Druckschrift 
Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
Seite
290
Einzelbild herunterladen
 

Naturwissenschaften zu Rate ziehen, so begegnen uns dort in den wich-tigsten Artikeln die Lehrmeinungen des alten Darwinismus fast unverän-dert. Insbesondere ist auch die Lehre von der Menschwerdung im alten-Darwinistischen Sinne abgefaßt: der ArtikelAnthropogenese stammt vonEugen Fischer und enthält alle Gedankengänge, die die Wissenschaftsogar zum Teil schon vor Darwin gewandelt war: die Anthropogenesewird mit Häckels Worten definiert alsdie Lehre vom Werdegang derPrimatengruppeMensch bezugsweise derHominiden. DieAbstam-mung des Menschen vom Affen oder deren Verwandten wird als sicherer-Besitz der Wissenschaft angesehen.

Aus allen diesen Untersuchungen (sc. anatomisch-physiologischer Art) gehteindeutig hervor, daß der Mensch mit den Anthropoiden eine Strecke lang die-selbe Entwicklungsbahn hatte... Die letzte Strecke gemeinsamer Bahn teilten-Schimpanse und Hominiden. In der dann übrig bleibenden Eigenbahn der Ho-miniden liegen Pithecanthropus erectus von Trinit auf Java, Sinanthropus peki-nensis aus Peking in China... dann der Homo Heidelbergensis (Unterkiefer vonMauer), die zahlreichen Reste des Homo primigenius (Neanderthaler Mensch)und endlich die fossilen Reste des Homo sapiens (H. sapiens fossilis), das heißtAurignac, Cromagnon usw. bis zum Schluß der heute lebenden Rasseformen des-Homo sapiens... Jedenfalls haben wir rein morphologisch eine fast lückenloseEntwicklungsreihe... Der Name Pithec-Anthropus, Affenmensch besteht zurecht. Wir haben eine Form vor uns, die uns ein Entwicklungsstadium auf demWeg des Menschen vom Schimpansenstadium über das Neanderthalstudium zur-heutigen Formleibhaftigkeit darstellt.

Diese monophyletische Entwicklung der Hominiden ist heute die herrschende-Ansicht geworden.

Den ungefähr gleichen Standpunkt vertritt das als Band III des von E. Baurund M. Hartmann herausgegebenen Handbuchs der Vererbungswissenschafterschienene Werk: Th. Mollison, Phylogenie des Menschen 1933.

Ursachen, Art und Weise der Menschwerdung stellt Fischer fast wörtlich-im Sinne Lamarcks dar:

Man darf als sicher (1) annehmen, daß zunächst derFuß geworden sein-muß. Man muß (!) sich also denken, daß äußere Umstände die betreffende Form-zwangen, das Kletterleben, Waldleben aufzugeben (geologische klimatische-Änderungen; allmählicher Waldschwund) ... ist der Beginn des aufrechtenGanges gegeben, so muß sich notwendig eine große Menge statisch-mechanischerAnpassungen ausbilden... Jetzt erst bei aufrechter Wirbelsäulstellung konnteder Kopf ohne großen Bänder- und Muskelapparat balanziert werden, jetzt /erst,konnte also sein Gewicht ohne Beeinträchtigung seiner Beweglichkeit so starkvermehrt werden, wie es das Menschenhirn verlangte... Auch diese Gehirn-entfaltung ging aus jenem Wechsel Jer Umwelt hervor. Es mußte einen Nah-rungswechsel bedingen, neue Konkurrenten und wirkliche Feinde bringen, sodaß durch all dies die Anforderungen an die Hirnfunktion gewaltig wuchsen,(Aufmerksamkeit, Vorsicht, List, Intelligenz).