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Die nun freilich eine Besonderheit aufwies, die sie in ganz hervorragen-dem Maße zu politischen Zwecken verwendbar machte: daß man sie näm-lich ebenso gut den Interessen der antisozialistischen Kapitalistenparteidienstbar machen konnte: die Theorie vom Kampf ums Dasein predigte ja„das Recht des Stärkeren“ und begründete in willkommener Weise die Be-rechtigung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung. So kam es, daß imiJahre 1900 Friedrich Krupp einen Preis von 30 000 (!) RM. aussetzte für dieBeantwortung der Frage: „Was lernen wir aus den Prinzipien der Deszen-denz-Theorie in Beziehung auf die innere Entwicklung und Gesetzgebungder Staaten?“ An der Spitze des Preisrichterkollegiums stand —Ernst Häckel . Vgl. Seite 97!
Welche Chance für eine „wissenschaftliche“ Theorie, daß sie gleicherWeise von den beiden großen, sich bekämpfenden Machtfaktoren der Zeitfür ihre politischen Zwecke ausgenutzt werden konnte!
In diesen eigentümlichen, sozialen Schichtungsverhältnissen, wie sie sichin der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelten, werden wir alsoeinen wesentlichen Grund für die Sieghaftigkeit des Darwinismus undHäckelismus erblicken.
In der Tatsache aber, daß die neue Zeit so breite Massen aufgestört hatte,die lesen und schreiben konnten, werden wir den Grund für die weite Ver-breitung der neuen Lehre finden: was zur Zeit des Kopernikus und Newtonein Gelehrtenklüngel, selbst zur Zeit Rousseaus erst ein verhältnismäßigkleiner Kreis gebildeter Mittelständler gewesen waren, das waren zur Zeitdes Darwinismus die breiten, erst kürzlich zum Leben erwachten und sichrasch weiter vermehrenden Massen des großstädtischen „Proletariats“,unter denen die zahlreichen Scharen des sogenannten „geistigen“ Prole-tariats den Ton angaben.
In der Tatsache der modernen Technik endlich mit ihrem Zeitungswesen,ihrer Vereinsbildung und Vortragsveranstaltung wird man den Grund zusuchen haben für das lärmende und aufdringliche Gehaben der Verkünderder neuen Heilsbotschaft. (Heute würde es in einem ähnlichen Falle nochviel lauter zugehen.)
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Nun sind 80 Jahre seit dem Ausbruch des Darwinismus verflossen.Welches ist sein Schicksal in dieser Zeit gewesen? Sind neue Lehren ver-kündet worden? Und wie haben wir uns zu den vorhandenen Lehrenzu stellen?
Zunächst hat es den Anschein, als ob die alte Darwinistische Lehre nochunerschüttert weiter bestünde. Wenn wir etwa das „Handwörterbuch der
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