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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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reichen von den obersten Graden bis hinab zu den Obliegenheiten des All-tags: als freie, sittliche Persönlichkeit die Verantwortung für unserSchicksal Gott gegenüber zu tragen, ist ebenso lästig und unbequem wieeinen schweren Harnisch oder eine Allonge-Perücke oder eine seideneRokokokleidung auf dem Leibe zu haben. Daher der Begeisterungssturmschon einmal losgebrochen war, als ein Mann verkündete (wie sein Gegen-spieler ihn parodierte): der Mensch sei dazu da, auf allen Vieren zu krie-chen und von Wurzeln zu leben, jener Mann, der im Orang-Utang denOriginalmenschen erblickte: Rousseau .

Und nun folgte auf diese Aufforderung zur praktischen Veraffung dertheoretische Nachweis, daß wir Menschen gar nichts anderes als bessereAffen seien, daß wir in den Naturprozeß als willenlose Organe eingeschaltetseien, ohne Verantwortung für unsere Taten. Wie sorgenlos konnte manbei solcher Lehre leben!

Damit stand in engstem Zusammenhang, daß diese Lehre plausibler, ver-ständlicher als viele, die ihr voraufgegangen waren, die Los-von-Gottbewe-gung förderte.Die Sache, schrieb ein kluger Mann im Jahre 1874, hat ohneZweifel nur deshalb soviel Anhänger in Deutschland , weil sich daraus Ka-pital für den Atheismus schlagen läßt 131 ).

Die Sache paßte vortrefflich zusammen mit dem immer weiter um sichgreifenden Emanzipationsstreben der Massen. Daß man nun endlich denwissenschaftlichen Beweis geliefert bekam: einen persönlichen Gott?Schöpfer Himmels und der Erde gibt es nicht an seine Stelle treten diemechanisch wirkenden Naturkräfte: das war es, was die breite Masse inden Städten enthusiasmierte. Erinnern wir uns, daß die Blütezeit des Dar-winismus in die Zeit fällt, in der das Programm des Proletarischen Sozia-lismus auf der Grundlage der Religions-Feindschaft aufgebaut wurde, alsder Satz in der Schmiede der sozialen Revolution gehämmert wurde:Wenn Gott existiert ist der Mensch Sklave, aber der Mensch kann, mußfrei sein, also existiert Gott nicht 132 ).

Diese letzten Gedankengänge haben uns schon an einen andern Zusam-menhang herangeführt, der für das Verständnis der Wirkung der Darwi-nistischen Ideen sehr wesentlich ist: ich meine die Ausnutzung dieser Ideenzu politischen Zwecken.

Mit Begeisterung griffen die Führer der eben sich entwickelnden sozial-demokratischen Bewegung die Gedanken Darwins auf, um ihren, ihnen imBlute steckenden Naturalismuswissenschaftlich zu begründen. Nicht nurMarx und Engels selber, sondern vor allem die Dii minores: die D i e t z -gen und Lafargue und Bebel wurden die Verkünder der neuenHeils-Lehre...