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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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Doch solcher Gränze, solcher ehrnen MauerHöchst widerwärtge Pforte wird entriegelt;

Sie stehe nur mit alter Felsen Dauer!

Ein Wesen regt sich leicht und ungezügelt;

Aus Wolkendecke, Nebel, RegenschauerErhebt sie uns, mit ihr, durch sie beflügelt:

Ihr kennt sie wohl, sie schwärmt nach allen Zonen;

Ein Flügelschlag! und hinter uns Aeonen!

Die zwischen Anfang- und Schlußstrophe liegenden drei Strophen be-handeln keine metaphysischen, sondern Erfahrungsprobleme; sie steckendeshalb denjenigen Bereich ab, auf dem sich die folgende Darstellung be-wegen soll. Sie tragen die Überschriften:Das Zufällige,Liebe,Nöti-gung und lauten wie folgt:

Die strenge Gränze doch umgeht gefälligEin Wandelndes, das mit und um uns wandelt;

Nicht einsam bleibst du, bildest dich gesellig,

Und handelst wohl so wie ein Anderer handelt.

Im Leben ists bald hin- bald wiederfällig,

Es ist ein Tand und wird so durchgetandelt.

Schon hat sich still der Jahre Kreis geründet,

Die Lampe harrt der Flamme, die entzündet.

Die bleibt nicht aus! Er stürzt vom Himmel nieder,Wohin er sich aus alter Oede schwang,

Er schwebt heran auf luftigem GefiederUm Stirn und Brust den Frühlingstag entlang,

Scheint jetzt zu fliehn, vom Fliehen kehrt er wieder,

Da wird ein Wohl im Weh, so süß und bang.

Gar manches Herz verschwebt im Allgemeinen,

Doch widmet sich das edelste dem Einen.

Da ists denn wieder, wie die Sterne wollten,

Bedingung und Gesetz und aller WilleIst nur ein Wollen, weil wir eben sollten,

Und vor dem Willen schweigt die Willkür stille;

Das Liebste wird vom Herzen weggescholten,

Dem harten Muß bequemt sich Will und Grille.

So sind wir scheinfrei denn, nach manchen Jahren,

Nur enger dran, als wir am Anfang waren.