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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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Der aufmerksame Leser wird bei gründlichem Studium dieser ebensoschönen wie geheimnisvollen Verse, an der Hand der Erläuterungen, dieihnen hinzuzufügen der Meister selber das Bedürfnis empfunden hat, gewahrwerden, daß die gesamte Problematik des erfahrungsgemäßen Werdens desMenschen vom Dichter in zwei Fragenbereiche gegliedert wird: das ist dieFrage nach dem Verhältnis des Ichs zur Umwelt einerseits; des natürlichenzum geistigen Ich andererseits. Von diesen beiden Fragen wird die erstein der zweiten und vierten, die zweite in der dritten Strophe behandelt, wozuGoethe ausdrücklich vermerkt:Der Mensch fühlt nun nämlich wenner heiratet! daß er nicht allein durch die Natur bestimmt und gestempeltsei; jetzt wird er in seinem Innern gewahr, daß er sich selbst bestimmenkann. Die Ehe erscheint hier welch ein tiefer Gedanke! als das Wahr-zeichen höchster, sittlicher Freiheit und gleichzeitig als der Ursprung allersozialen Gebundenheit, die der Dichter in der folgenden Strophe schildert.

Im Anschluß an diese ewig gültige Menschenbildungstheorie, die auchGoethe nicht erdacht hat, sondern die altes Erbgut istwas... von älte-ren und neueren orphischen Lehren überliefert worden, hat man hier zu-sammen zu drängen, poetisch, kompendios, lakonisch vorzutragen versucht werde ich selbst hier das Problem zu erörtern versuchen. Zu diesemBehufe teile ich und das vereinfacht vielleicht das Problem alle inFrage kommenden Bildungsfaktoren in folgende vier Klassen: natürlichesIch, geistiges Ich, natürliche Umwelt, geistige Umwelt und stelle dann dieeinzelnen Faktoren wie folgt einander gegenüber:

Einerseits:

Andererseits:

Natürliches (Geistiges (Natürliches IchNatürliche Umwelt

Ich

Umwelt;

Natur

NatürlicheGeistige (

Geistiges Ich 1Geistige Umwelt f

Geist.

Damit ist die Doppelnatur der gesamten Problematik zum Ausdruck ge-bracht, ohne diese ihrer Vielseitigkeit zu berauben.

Dieser Gliederung werde ich mich also in meiner folgenden Darstellungbedienen, die dadurch, wie ich glaube, das Höchstmaß an Übersichtlichkeitund Klarheit gewinnt, das in dieser nun doch einmal wesensmäßig verwickel-ten Problematik möglich ist.

Die Darstellung zerfällt somit in zwei Hauptteile von denen der eine allesumfaßt, was sich unter der Überschrift:Unsere Umwelt und wir begreifenläßt (26. Kapitel), während ich unter dem RubrumNatur und Geist im Auf-bau der Persönlichkeit (27. Kapitel) die Probleme des andern Kreises ab-handeln werde.

So nun wären wenigstens die Probleme in der Frage nach dem Werde-gang der Einzelperson klar und deutlich gestellt: die notwendige Voraus-