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Setzung, wenn man ihrer Herr werden will; denn nun erst können wir übetdie Technik entscheiden, die wir wählen müssen, um sie zu bewältigen.Besonders wichtig ist bei dieser Problemstellung die Abgrenzung der ver-schiedenen Erkenntnisbereiche und die Besonderung des geistwissenschaft-lichen Kreises.
Versuchen wir nunmehr nach unserer bewährten Methode mit unseren be-scheidenen Zielsetzungen der im Voraufgehenden gestellten, schwierigenProbleme in den beiden folgenden Kapiteln wenigstens insofern Herr zuwerden, als es uns gelingt, sie in ihrer Eigenart zu erkennen.
Sechsundzwanzigstes Kapitel: Unsere Umwelt und wir
Ich werde den Inhalt dieses langen Kapitels wie folgt gliedern: Zunächststelle ich Entstehung, Verbreitung und Vervollkommnung der sog. „Milieu-Theorie“ dar in ihren drei Erscheinungsformen als physikalisch-chemisch-physiologische, als biologische und als soziale oder geistige Milieu-Theorie (I);
dann verfolge ich — ebenfalls in geschichtlicher Betrachtung — die Ent-faltung der Kritik, die an dieser Theorie im Laufe der Zeit geübt ist (II);
endlich prüfe ich: ob und in welchem Sinne oder in welchem Umfange dieSätze der Milieu-Theorie dauernde Gültigkeit beanspruchen dürfen (III).
I
Es scheint, als ob auch die Milieu-Theorie 217 ) in Griechenland entstandenund als ob ihr Begründer Hippokrates (460—375) sei. Die Schrift, in derdie Gedanken dieser. Theorie zum ersten Male ausführlich dargelegt werden:flspl ds'pu>v, uSdxwv, T07ru>v (über die Winde, Wasser, Orte) wurde bisherganz allgemein dem Hippokrates zugeschrieben, bis Wilamowitzdessen Verfasserschaft in Zweifel zog und sie einem Zeitgenossen zuschrieb.Wie dem auch sei: in dieser Schrift werden die körperliche Beschaffenheitder Menschen, in Sonderheit ihr Gesundheitszustand, Naturanlage und natür-licher Charakter, aber auch Sitten und Geistesart aus geographischen Um-weltsverhältnissen in durchaus materialistischer Weise mit Hilfe des Ein-flusses, die die natürlichen Bedingungen auf die einzelnen Organe des Men-schen ausüben, erklärt.
Die natürlichen Bedingungen, denen Hippokrates bestimmenden Ein-fluß auf die menschliche Konstitution zuschreibt, sind die Jahreszeiten, dieWinde, die Gewässer, die Landschaft, wir würden zusammenfassend sagen:das Klima, neben dem er noch die Lebensweise als bestimmenden Faktorbezeichnet.
Sein Gedanke, mit dem er der herrschenden Auffassung vom Verhältnisder Hellenen zu den Barbaren entgegentrat, ist also dieser: nicht die Geburt
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