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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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und Zugehörigkeit zu einem bestimmten Volksstamme oder Kulturkreise,sondern ausschließlich die äußeren Verhältnisse bestimmen die Eigenart desEinzelnen und ganzer Völker. Hippokrates vergleicht Asiaten undEuropäer. Jene seien fetter, weichlicher, weniger tapfer, weil die Jahres-zeiten nicht so schroffen Wechsel zeigen wie in Europa. Er kennt schonden Gegensatz der beiden Menschenarten: der Brustmenschen und der Bauch-menschen.Man wird finden, daß meistens die Gestalt und Gesinnungsformder Menschen der Landesnatur entsprechen. Denn wo das Land fruchtbar,reich und gut bewässert ist und die Gewässer hoch liegen, so daß sie imSommer warm und im Winter kalt sind und das Land im Hinblick auf dieJahreszeiten eine gute Lage hat, da sind die Menschen fleischig, ungegliedert,schlaff, für die Arbeit nicht begeistert, was die Seele anbelangt meist nichtviel wert und Sorglosigkeit und Schläfrigkeit stecken in ihnen. In bezug aufKunst, Gewerbe und Wissenschaft sind sie plump und nicht scharfsinnig undrührig. Wo aber das Land kahl, unbefestigt und rauh ist, vom Winter heim-gesucht und von der Sonne ausgeglüht, da wird man derbe, magere, wohl-gegliederte, kräftige und dick behaarte Gestalten finden. Arbeitseifer undUnermüdlichkeit sind in diesen Menschen lebendig... Sie haben mehr Lustund Geschick zu Kunst, Gewerbe und Wissenschaft und sind zum Krieg-führen besser geeignet...

Vertreter der Milieu-Theorie, in der Gestalt der Klima-Theorie im klassi-schen Altertum, ist vor allem auch Aristoteles und sind dann P o 1 y -bius, Eratosthenes, DiodorusSiculus, Strabo, Varro,Vitruv, Cicero, Vegetius u. v. a.

Die Denker der Renaissance übernehmen aus dem alten Wissensbestandeauch diese Theorie. Sie taucht ziemlich gleichzeitig an verschiedenen Stellenim 16. Jahrhundert auf und wird zum ersten Male in neuer Zeit ausführlichentwickelt von Joh. Bodinus (15201596), den wir als den Begründerwie der neuen Völkerpsychologie so auch der modernen Milieu-Theorie an-zusehen haben (von was wäre Bodinus der Begründer nicht!).

B o d i n behandelt den Gegenstand erst in seiner Geschichtslehre (Me-thodus ad facilem historiarum cognitionem [1566], cap. V) und dann über-sichtlicher, klarer und in einem sehr viel leichter lesbaren Latein geschriebenin seiner Staatslehre (De Republica libri VI (1584) im 1. Kapitel des5. Buches). Auch B o d i n knüpft an die Denker des klassischen Altertumsunmittelbar an; vor allem an Hippokrates ,cuius summa semper fuitauctoritas und übernimmt von ihnen sämtliche physiologische Theorien,nach denen das Gehaben des Menschen von der Beschaffenheit vor allemdes Blutes und der Galle bestimmt wird. B o d i n teilt seinen Stoff in 5 Teile(imMethodus), in 4 imStaat ; nämlich: