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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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Geistwissenschaften über und die meisten bedeutendenSoziologen,Philo-sophen undHistoriker bemächtigten sich ihrer für ihre Zwecke.

Ich erinnere an Männer wie Wilhelm Wundt 220 ), Herbert Spen-cer, den man geradezu als denPhilosophen der Anpassung bezeichnenkann, an Historiker wie Ludo M. Hartmann u.a.

Während der ganzen Zeit, in der diese naturwissenschaftlich begründetenMilieutheorien zur Entfaltung gelangten, sind nun aber schon Ansichtenvertreten worden, wonach es nicht sowohl die äußere Natur sei, durch dieder einzelne sein Gepräge erhalte, als die ihn umgebenden gesellschaftlichenZustände, allgemeiner: die kulturelle Umwelt. Mit dieser Auffassung gelangteman zu dem, was man gewöhnlich die soziale Milieutheorie nennt, was wirlieber als geistige Umwelttheorie bezeichnen wollen, da es sichum mehr als um Einflüsse handelt, die aus dem gesellschaftlichen Zusam-menleben stammen, nämlich um alle diejenigen Einflüsse, die nicht von derNatur ausgehen. Das sind aber diejenigen, die auf den Geist zurückführen.

Unter kultureller Umwelt (milieu intellectuel = A. C o m t e) sind somitzu verstehen:

1. die allgemeinen Ideen, die öffentliche Meinung, der Zeitgeist;

2. die Familie,die Kinderstube, der Beruf, die Schule, die Gesellig-keit, also das, was man zusammenfassend die Erziehung nennenkann;

3. der in Wirtschaft, Staat, Literatur, Kunst, Philosophie, Wissenschaftusw. niedergeschlagene objektive Geist.

Vertreter dieser geistigen Milieutheorie sind so gut wie alle englischenund französischenSoziologen des 18. Jahrhunderts, soweit sie nicht derKlima-Theorie anhangen, und zwar dieAufklärer, wie Mandeville,Locke, Hume, Condillac, La Mettrie , H e 1 v 6 t i u s e tuttiquanti ebenso wie ihr Gegenspieler Rousseau und die Seinen. Aberauch Männer wie Herder sind ihr ganz und gar verfallen 221 ).

Kein Wunder angesichts der überragenden Bedeutung, die man im18. Jahrhundert derGesellschaft beimaß und bei der revolutionär-demo-kratischen Tendenz, die der Milieutheorie innewohnt.

Diese gleichmacherische Tendenz, die in der geistigen Milieutheorie zumAusdruck kommt, hat ihr dann auch im 19. Jahrhundert in allen Theorieneinen Platz verschafft, die der sozialen und demokratischen Massenbewegunggalten. Ihre großartige Ausgestaltung hat sie in dem Gedankenkreise desMarxismus gefunden, in dem sie in einseitiger Zuspitzung auf die Bedürfnissedes Industrieproletariats zur sog. materialistischen Geschichtsauffassung