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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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Und wie es Nietzsche wiederholt:Der Einfluß der ,äußeren Umständeist bei Darwin ins Unsinnige überschätzt: das Wesentliche am Lebens-prozeß ist gerade die ungeheuere, gestaltende, von Innen her formen-.schafiende Gewalt, welche die ,äußeren Umstände ausnutzt, ausbeutet 226 ).

Mit dieser Betonung der Aktivität des Lebewesens war nun aber auchdie Bahn frei gemacht, um den Begriff des Milieu selbst von Grund aus neuzu gestalten. Man weiß heute, daß es keine für alle Lebewesen eindeutigeWirklichkeit gibt, sondern daß jeder Organismus ob Pflanze, ob Tier,-ob Mensch seine besondere Erlebnisumwelt hat, die er sich aus demGanzen der Außenwelt herausschneidet. Man weiß also auch, daß dasjenige,was man ausschließlich auf den äußeren Einfluß der Umwelt zurückführte,zu einem mehr oder weniger großen Teil das eigene Werk des Organismusist. Es gibt keinenWald als objektiv fest bestimmte Umwelt, sondern esgibt nur einen Förster-, Jäger-, Botaniker-, Spaziergänger-, Naturschwärmer-,Holzleser-, Beerensammler- und einen Märchenwald, in dem Hansel undGretel sich verirren 227 ).

Was aber für das Leben galt und gilt: daß es sich in weitem Umfange dieihm angemessene Umwelt erst schafft, gilt in noch viel stärkerem Maßevom Geiste. Und vom Geiste her kamen dann auch immer mehr Ein-wendungen gegen die Milieutheorie, die zunächst sich in derselben Richtungbewegten wie die Einwendungen vom Leben her. Noch deutlicher als indem natürlichen Lebensprozesse macht sich in den geistigen Akten eineaktiv wirksame Kraft geltend, die die Umwelt erzeugt und gestaltet. Waswir in der Natur nur ahnen können: daß alles Werden das Werk zweiergegen- und miteinander arbeitenden Faktoren ist: der Zielstrebigkeit allesLebendigen und der Anpassung an die Umwelt, das erleben wir in derMenschenwelt als Wirklichkeit: die Erfahrung lehrt uns die stete Wechsel-wirkung zwischen dem schaffenden, zweckesetzenden Geist und der ihn um-gebenden natürlichen und geistigen Welt, die er teils gestaltet und an diesich anzupassen er teils genötigt ist. Diese schöpferische Kraft des Geistesnennen wir seine Spontaneität, die also selbsttätig neben allen Gegeben-heiten das Wirken des Menschen bestimmt. Diese Spontaneität des Men-schen unterscheidet sich bei aller Ähnlichkeit in wesentlichen Punktenvon der Vitalkraft, der Zielstrebigkeit des Lebewesens. Vor allem dadurch,daß sie ihre Zwecke ohne alle Rücksicht auf die Lebensbedingungen,den vitalen Nutzen, die Selbsterhaltung des Organismus nach frei gewähltenWerten und Normen steckt.

Damit gewinnt aber auch der Begriff der Anpassung, wenn man ihn über-liaupt für menschliches Wirken bestehen lassen will, einen ganz anderen