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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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Was es aber ist, das solcherweise außerhalb des Lebensprozesses denMenschen zuströmt, wissen wir aus früheren Betrachtungen. Nicht auf demWege der Vererbung, also nicht im Blutstrom, fließen dem Menschen zu:die Sprache; das Wissen und Können jeder Art; Kenntnisse und Fertig-keiten; die moralischen, ästhetischen, politischen u. a. Normen und Maximen;die religiösen Glaubenssätze.

Wollte jemand unsinnigerweise an der erblichen Übertragung diesesGeistesgutes festhalten: eine geistige Haltung kann er beim besten Willennicht a semine ableiten: das asketische Ideal. Wie sollte es sich vererben?Da ja ein tiefer Instinkt dem Asketen die Fortpflanzung verbietet und diesetatsächlich nicht erfolgt. Will man selbst angesichts dieses Falles an dernaturalistischen Deutung festhalten, so muß man schon zu allerhand mysti-schem Unsinn seine Zuflucht nehmen, wie es Nietzsche tat, als er schrieb:(zur Genealogie der Moral 3. Abschnitt Aphor. 11)Es muß eine Nezessitätersten Ranges sein, welche diese lebensfeindliche Spezies immer wiederwachsen und gedeihen macht es muß wohl ein Interesse des Lebensselbst (!) sein, daß ein solcher Typus des Selbstwiderspruchs nicht ausstirbt.

Daß Geist nicht vererbt, haben kluge Männer längst gewußt, ehe das Dunkeldes Naturalismus die Menschheit umfing.

Ich denke gar nicht einmal an die Auffassung vieler christlicher Bekenntnissewie die der Creatianer oder der Inducianer; ich denke an Philosophen und Dich-ter, die uns die Eigenständigkeit des Geistes gelehrt haben. Eine der schönstenDarstellungen der Unterschiedlichkeit zwischen dem Werden von Leib und Seeleeinerseits, dem des Geistes andererseits findet sich bei dem jüngeren Fichte,der erst in beredten Worten den organisch-seelischen Akt schildert, in dem einMensch empfangen wird, und der fortfährt 2 53);

Aber es wäre unmöglich, aus dieser bloß seelischen Vereinigung auch nurdie kleinste Geisteseigentümlichkeit begreiflich zu finden, wenn nicht ein beidenZeugenden Jenseitiges hinzuträte, eben jener Mittelpunkt geistiger Persönlich-keit, der keineswegs bloß ein allgemeiner Nuhs, ein abstrakt gleichartigesLogikon ist, sondern in welchem die individualisierende Macht des Menschensich betätigt.

In dichterischer Form hat diese Unvererbbarkeit des Geistes Goethe anjener bekannten Stelle in denWanderjahren geschildert, die also lautet:Wohlgeborene, gesunde Kinder bringen viele mit; die Natur hat jedem alles (?)gegeben, was er für die Zeit und Dauer nötig hätte; dieses zu entwickeln, istunsere Pflicht, öfter entwickelt es sich besser von selbst.

Aber Eines bringt Niemand mit auf die Welt, und doch ist es das, woraufalles ankommt, damit der Mensch nach allen Seiten zu ein Mensch sei:

Ehrfurcht.

Wir überliefern eine dreifache Ehrfurcht, die, wenn sie zusammenfließt undein Ganzes bildet, erst ihre höchste Kraft und Wirkung erreicht. Das erste istdie Ehrfurcht vor dem, was über uns ist... Das zweite: Ehrfurcht vor dem, wasunter uns ist... Das dritte: Ehrfurcht von unseres Gleichen...

S o m b a r t : Vom Menschen

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