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Aber auch die „Fachmänner“, wenn man darunter in unserem Falle Medizinerund Physiologen oder Biologen versteht, die sich das Studium der Vererbungzur besonderen Aufgabe gestellt habeu, waren in früherer Zeit einig darüber,daß der Geist, oder wie sie es schon ausdrückten: die geistige „Akte“ nichtvererben: „il n’y a pas ... d’hdrdditd des actes, il n’y a de transmis que les dis-positions et les impulsions et non les actes meines 25 '*).
Diese klare Einsicht, daß Geist nicht vererbt, darf uns mm aber nicht zuder Annahme verleiten: Geist habe mit dem Zeugungsakt überhaupt nichts,zu tun. Vielmehr hat er damit sehr wohl zu tun, und zwar in recht erheb-lichem Maße. Wie das zusammenhängt, werden wir uns am besten klarmachen an einem andern, verwandten Problem, das die Menschen lange undlebhaft beschäftigt hat: dem Problem der „angeborenen Ideen“.
Dieses lösten die Sensualisten bekanntlich in der Weise, daß sie jedesVorgegebensein von Denk-Kategorien leugneten und die Entstehung allenGeistes aus der Natur während des individuellen Daseins behaupteten.Dieser Einstellung gegenüber wurde es den Aprioristen nicht schwer, die;Ansicht zu begründen, daß bestimmte Aprioris denknotwendig von der Logikund Erkenntnistheorie angenommen werden müßten. Aber mit diesem Nach-weise war das Problem, das die Sensualisten aufgeworfen hatten, keines-wegs gelöst; denn dieses war ein psychologisches und kein erkenntnis-theoretisches. Der Kantianisinus geht dem psychologischen Problem (viel-leicht mit gutem Grunde) einfach aus dem Wege.
Da sich nun aber die Menschen darauf versteiften, auch und gerade daspsychologische Problem zu lösen, so kam eine dritte Lehre herauf, die gleich-sam die Psychologisierung des Apriorismus vorzunehmen versuchte, dadurch,daß sie die Denkformen, die Aprioris selbst in das Fleisch verlegte und mitdem Menschen geboren werden ließ, nachdem sie im Verlaufe der bekannten„unermeßlich langen“ Zeiträume der Menschheitsentwicklung durch Er-fahrung entstanden und durch Vererbung sozusagen gefestigt worden sind.Dies war die später Transformismus genannte Lehre, die der Darwinismus,vertrat, deren Begründung Ernst Häckel 255 ) für sich in Anspruch nahm,die dann von bedeutenden Psychologen wie H. Spencer , Th. R ib o t,II. II ö f f d i n g u. a. angenommen wurde und die lange Zeit die Geister be-herrscht hat. „Was sind denn, sagt ein hervorragender Anhänger dieserLehrmeinung, diese geheimnisvollen Denkformen? Sie sind, wie die Formendes Lebens, Ergebnisse der Evolution, nicht der Präformation. Unbeschadetihrer Bedeutung als „Gesetze der Erfahrung“ sind sie Ergebnisse der Er-fahrung, aber der Erfahrung der Rasse, nicht des Individuums; sie sind das.Ergebnis der Vererbung 25 ^).“ Oder wie Harald IIöffding es paradigma-tisch ausdrückt: „A priori für das Individuum, a posteriori für die Art.“