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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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Das ist offenbar ein sehr hübscher Gedanke, der leider nur einen Fehlerhat: er ist falsch. Vielleicht können wir ihn aber retten, wenn wir die Sacheumdrehen. Auf Grund folgender Erwägungen: die Hypothese einer allmäh-lichen Entstehung der Denkformen durch kontinuierliche Übertragung läuftletzten Endes hinaus auf die Annahme einer Entstehung des Geistes ausSeele: eines Un-Gedankens, wie wir aus früheren Betrachtungen wissen.Richtig aber ist das müssen wir uns zum Bewußtsein bringen daß dieDenkkategorien doch irgendwie im Blute stecken und wenigstens ihre Be-nutzung und Anwendung auf der Erfahrung beruht: wir können es also beider Antithese von Art und Individuum belassen und sagen: A priori für dieArt, a posteriori für das Individuum.

Wie aber kommt die Art zu einem Apriori? Offenbar dadurch, daß diesesihr wesensgemäß innewohnt und im Erbgang übertragen wird. Das Apriorigehört aber der Menschenart deshalb wesensmäßig zu, weil es das Kenn-zeichen der Geisthaftigkeit ist und diese das Wesen des Menschen ausmacht.Die Artmäßigkeit aber wird durch die Zeugung in den Blutstrom hinein-gerissen: Art zeugt Art: Katzen zeugen Katzen, Hasen Hasen, Menschen Menschen und mit ihnen die Katzenhaftigkeit, die Hasenhaftigkeit, dieMenschenhaftigkeit. Ein Wesen ohne Geist, wissen wir, ist keinMensch, alsomuß der Neugeborene a semine schon Geist enthalten. Nun aber nicht Geistin actu, sondern Geist in potentia: Geisthaftigkeit, Geistfähigkeit. Dieseshaben wir als Tatsache hinzunehmen, ohne die vermessene Frage stellen zudürfen: wie diese Dinge Zusammenhängen. Wir wissen ebensowenig, warumMenschen von Menschen geboren werden mit menschlichen Eigenschaften,wie wir wissen, warum Fledermäuse nach ihrer Art zur Welt kommen undnicht als Hasen.

Aber ich möchte die Mitwirkung des Geistes bei der organischen Mensch-werdung noch an einem andern Punkte annehmen: nicht nur bei der Über-tragung der spezifischen, sondern sogar bei der Übertragung der individu-ellen Eigenschaften. Und zwar möchte ich glauben, daß der Geist im Standeist, einen starken Einfluß auf die Persönlichkeit des Menschen und ihre leib-seelischen Zustände bei Empfängnis und Austragung des Menschen aus-zuüben, so starken Einfluß, daß eine Wirkung auf das empfangene Kind imMutterleibe unvermeidlich ist und dieses bei der Geburt Merkmale trägt, dieder Prägung durch den Geist ihr Dasein verdanken.

Vergegenwärtigen wir uns doch, in wie mannigfaltiger Weise der Geist beider Erzeugung des Menschen beteiligt ist!

Die Auswahl des Partners ist im wesentlichen ein Akt des Geistes. DerZeugungsvorgang selber erfolgt stets unter Anwesenheit des Geistes: inLiebe, in Haß, in Widerwillen, was alles geistige Haltungen sind, die zuweilen

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