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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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lernt die Buchstaben, erlernt die Noten. Lernt den Gebrauch vonFeuer und Werkzeug, lernt Sitten und Gebräuche, Fug und Unfug, lerntVater und Mutter ehren, sein Vaterland lieben, zu Gott beten.

Woher sind ihm alle diese Auskünfte gekommen? Was hat ihn lebenlassen? Was hat ihn zum Menschen gemacht? Was hat sein Menschtumvervollkommnet und gesteigert? Nicht die Natur. Nicht a semine hat ersprechen und schreiben und beten gelernt. Alles dies, was ihm sein Daseinals Mensch ermöglicht hat, ist au3 einer andern Welt gekommen; wirwissen welcher: der Welt des Geistes. Immer wieder sind die Gaben desGeistes von neuem dem Neugeborenen dargebracht, sie sind nicht aus ihmhervorgewachsen, sondern sind in ihn hineingelegt von denen, die sie selbsteinst von andern empfangen haben.

Denn das ist die Feststellung von größter Tragweite, die wir jetzt machenmüssen: der Geist geht mit dem Fleisch, oder wie man heute mit Vorliebesagt: dem Blute keinerlei Verbindung ein. Obwohl er, wie wir wissen, jederLebensregung des Menschen einwohnt und im kleinen Finger ebenso zuHause ist wie im Gehirn, verschmilzt er doch mit dem Leben selber nicht.Da aber aller Erbgang auf dem Lebensstrom sich daher bewegt, so folgtaus dieser Distanz, die der Geist zum Leben hält, daß er selber nichtvererbt.

Der Strom des Geistes fließt selbständig neben demStrom des Blutes.

Der Geist hat wie seine eigene Daseins-, so auch seine eigene Fort-pflanzungsweise: er vererbt nicht, sondern er wird übertragen von Menschauf Mensch auf vielfache Weise: durch Lehren und Unterweisung, durchÜberlieferungen und Beispiel. Von Generation zu Generation wird die Fackelweiter gereicht, die immer von neuem ein neues Licht in neuen Leibernanzündet. Hominem scire nihil sine doctrina: der Mensch weiß nichts undkann nichts, ohne daß ein anderer es ihm beigebracht hätte.

In dieser Tatsache gründet recht eigentlich die gesellschaftliche Naturder menschlichen Art, von der ich früher gesprochen habe. Durch denGeist ist der Mensch in die Kette der Geschlechter ein-geschlossen, nicht durch das Blut. Was verbindet schon denZuchthengst mit seiner edlen Sippe oder den Hammel aus der Herdemit dem Schafsgeschlechte, dem er entstammt? Dagegen wird der Menschdurch den Geist in den großen Zusammenhang hineingestellt und gar mitWesen verknüpft, die nicht von dieser Welt sind.In den Individuen läßtdie gesamte Vorzeit des Menschen ihre Stimme ertönen in die Gegenwarthinein; sie wird in ihr lebendig und schafft in ihr fort für die Zukunft.