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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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keineswegs Einhelligkeit. Denn während die einen, die kühn mit der altenmechanistisch - kausalen Denkweise brechen, unter der Führung vonDriesch eine gestaltende Idee, eineEntelechie als bildende Kraft an-nehmen, versuchen die andern den Zusammenhang mit der kausal-mecha-nistischen Denkweise aufrecht zu erhalten, indem sie eine der Physik gegen-über eigene Lebensgesetzlichkeit zu Hilfe rufen, wie dieorganismischenGanzheitsbiologen L. v. Bertalanffy,B. Dürken,Max Hartmann und andere 252 ).

Alle diese metaphysischen Kontroversen berühren uns hier nicht. Wasuns hier angeht, ist allein das empirisch feststellbare Ergebnis des Zeugungs-aktes. Das aber ist ein kleines, unbeholfenes, ungestaltetes Lebewesen, istdas neugeborene Menschlein, wie es aus dem Mutterleibe mit Schmerzenentlassen wird: der wesentliche Bestandteil des Pars naturae im Menschen.

Hilflosigkeit ist das Kennzeichen dieses Neugeborenen. Sie ist oft vonkundiger Hand geschildert worden ich denke etwa an die schönen WorteHerders in seinenIdeen (IX. Buch I) von niemandem aber so ein-dringlich wie von dem älteren Plinius im Eingang zum siebenten BucheseinerNaturgeschichte, wo es nach einer Schilderung der Fürsorge,die die Natur allen ihren Geschöpfen angedeihen läßt also heißt:DenMenschen allein wirft sie am Tage der Geburt nackt auf den nackten Fuß-boden, wo er nun wimmern und weinen mag (Hominem tantum nudum et innuda homo, natali die abjicit ad vagitus statim et ploratum). So liegt derglücklich Geborene an Händen und Füßen gefesselt da: ein weinendes Tier,bestimmt, den andern dereinst zu befehlen. Mit Qualen fängt er sein Lebenan, um einer einzigen Schuld willen: weil er geboren ist. Nichts vermagder Mensch aus eigener Kraft; er kann ohne die Hilfe anderer wedersprechen noch gehen, noch essen; die Natur hat ihm nichts eigenes verliehenals die Tränen (non aliud naturae sponte quam flere).

Aber schon beugt sich über dieses armselige Dingelchen ein menschlichesAntlitz, aus dessen Augen die himmlische Liebe strahlt die Mutterund sie verheißt mit ihrem Blick, es zu schützen, es zu pflegen, es zumMenschen zu machen. Und sie löst ihr Versprechen ein mit Mitteln, die sieniemals die Natur gelehrt haben kann. Sie legt das Kind an ihre Brustein erster Akt der Freiheit sie bereitet ihm das Lager, und wäre es auchnur die Krippe im warmen Stall, sie bekleidet, sie behaust es. Sie richtet esauf, daß es den Menschengang gehe, sie lehrt es die ersten Laute mensch-licher Sprache.

Und nun schreitet unser Held, in dem ein Lichtchen von Menschtum nachdem andern aufblitzt, die Erdenbahn entlang: Schritt vor Schritt außerder Natur, ohne die Natur, gegen die Natur. Erlernt die Zahlen, er