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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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einigung von Mann lind Frau entsteht und im Mutterleibe heranwächst,,stammea semine und nennt es heuteErbgut.

Die Pars naturae wächst sich nach der Geburt weiter aus: Die Organe^entwickeln sich teils aus innerem Antriebe, teilweise unter dem Einflüssevon Sonne, Winden und Wasser; in manchen Fällen auch unter der Ein-wirkung anderer Lebewesen, namentlich desjenigen, das an Stelle der Mutterdas Kindlein säugt: man vergißt diesen letzterwähnten Umstand leider fastimmer, und er ist doch so wichtig! Ich bin sicher, daß die meisten der inden üblichen Übersichten aufgezähltenbedeutenden Männer Ammenkindergewesen sind.

Über dieGesetze 1 , die die Entstehung und Entwicklung dieses leib-seelischen Organismus beherrschen, wissen wir wenig und werden wir wenig-wissen, dank der Unvollkommenheit des Ermittelungsverfahrens.

Eine Feststellung der Vorgänge durch den Augenschein ist uns versagt,und wird uns immer versagt bleiben, bis das Mikroskop den Inhalt derGenen unsern Blicken zu erschließen imstande sein wird.

Wir können uns aber bei der menschlichen Lebenslehre auch nicht einmal:des Experiments bedienen wie die Pflanzen- und Tierforscher (oder haben.,uns seiner bisher noch nicht bedient).

So daß uns nichts bleibt als der Vergleich. Ihn hat man vor allem benutzt,um zu einiger Klarheit über das Verhältnis zu gelangen, in dem sich die-Eigenart der Vorfahren zu der der Nachkommen verhält, um aus dieserFeststellung Schlüsse auf die Vererbung gleicher Eigenschaften zuziehen. Mit welchem Erfolge werden wir im Verlaufe dieser Darstellungerfahren. Hier geht uns dieses Problem einstweilen nichts an. Die Wege,auf denen man Vergleiche anstellt, sind hauptsächlich folgende: das massen-statistische Verfahren, die Familienforschung, die Bastardforschung 251 ) undin letzter Zeit vor allem die Zwillingsforschung.

Daß die Ergebnisse aller dieser Forschungen immer nur Vermutungenüber die tatsächlichen Vorgänge enthalten können, liegt aber auch in derNatur des Problems selber. Ist doch auf empirischem Wege eine Einsichtin die Grundprinzipien der organischen Entwicklung überhaupt nicht zugewinnen. Und noch heute stehen sich die Ansichten der Fachleute überdas Wesen der Lebensvorgänge ebenso schroff gegenüber wie je undwerden sich immerdar gegenüberstehen. Wenn auch der Evolutionismusalten Stils, der annahm, daß der fertige Organismus mit allen seinen Anlagenschon im Zellkern vorgebildet,präformiert war, augenblicklich keine nam-haften Vertreter hat(?), so besteht doch im Lager derEpigenetiker , die*glauben, daß die Keimteile bis zu ihrer Festlegung (Determination)äqui-potentiell sind und sich in dieser oder jener Richtung entwickeln können,.