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nen objektiven Kultur finden, wie beispielsweise und vornehmlich inEuropa : wollen wir uns dieses Schauspiels nicht einfach erfreuen und alseinen graziösen Zufall bewundern? Wie der einzelne „weltanschaulich“ ihnsich dann zurechtlegt — im stillen Kämmerlein — ist seine Sache.
Siebenundzwanzigstes Kapitel:
Natur und Geist im Aufbau der Persönlichkeit
Wenn wir uns des Planes entsinnen, den ich im 25. Kapitel für diesen Ab-schnitt entworfen habe, so sollte zunächst in dem 26. Kapitel das Verhältniszwischen Ich und Umwelt festgestellt und daraufhin der Anteil untersuchtwerden, den die beiden Bestandteile des menschlichen Wesens — Natur undGeist — am Aufbau der Persönlichkeit haben. Dieser Aufgabe müssen wiruns nun in diesem Kapitel unterziehen. Wir werden uns dabei mit dem weit-schichtigen Problem der Vererbung auseinandersetzen müssen.
Zuerst, wenn man angefangen hat, sich in die „einschlägige“ Literaturhineinzulesen, die sich mit unseren Problemen beschäftigt, sinkt einem derMut angesichts des unermeßlichen Schrifttums, das in den letzten Jahr-zehnten sich aufgehäuft hat. Bis man allmählich einzusehen beginnt, daßdie Lage gar nicht so verzweifelt ist, da einerseits die meisten Bücher das-selbe enthalten, andererseits — was noch wichtiger ist — uns bei unsernUntersuchungen über den Menschen der größte Teil der biologischen, aucherbbiologischen Literatur des letzten Menschenalters nichts angeht, da siediejenigen Probleme, die uns interessieren, überhaupt nicht behandelt oderüber sie nicht mehr auszusagen weiß als was man vorher schon wußte 250 ).Das macht: sie ist im wesentlichen naturwissenschaftlich eingestellt undbemüht sich um eine exakte Erforschung biologischer Elementarvorgänge,die an das Problem des leib-seelischen Gesamtlebens oder gar des Geistesund sein Verhältnis zu diesem nicht rühren.
Da wir aus unseren früheren Feststellungen wissen, daß im Menschensich zwei Prinzipien: Natur und Geist vereinen, so liegt der Schluß nahe,daß sich seine Persönlichkeit (genetisch) wohl auch aus diesen beiden Be-standteilen aufbauen wird. Wir müssen uns daher nach den Quellen derbeiden Ströme umsehen, aus denen das menschliche Wesen zusammenfließt.
Wir fragen zum ersten nach der Herkunft des naturhaften Teils desmenschlichen Wesens, der Pars naturae, und finden sie zunächst und vorallem in dem Zeugungsakte, dem der Mensch sein Leben verdankt. In derVereinigung von Samenzelle und Ei liegt der Ursprung unserer leib-seelischen Wesenheit. Man sagte früher: alles dieses, das aus der Ver-