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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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dere Artung der Völker, die diese Kulturen geschaffen haben, ist schuldan ihrer Eigenart: Herakles und Siegfried sind Schöpfungen nordischenGeistes, so würde ich erwidern: sicherlich. Aber auch die nordische Rasseist ein Erzeugnis einer bestimmten Umwelt. Aber damit nicht genug. Wieerklärt sich denn die sprechende Übereinstimmung zwischen bestimmtenNaturen und bestimmten Kulturen in ihrer Gesamtgestaltung? Hier dasgemäßigte, gegliederte Europa dort das heiße, exzentrische Indien, mitje der ihnen entsprechenden Kultur! Und warum haben die Nordlandvölkerin Indien nicht dieselbe Mythologie entwickelt wie in Europa ?

Aber vielleicht besteht überhaupt kein kausaler Zusammenhang zwischenVolkseigenart, Natureigenart und Kultureigenart.

Das ist in der Tat möglich. Dann müßten wir den Gleichklang dieser dreiFaktoren, wo wir ihn beobachten, anders deuten. Vielleicht alsprästabi-lierte Harmonie, als Plan des Weltenschöpfers, wie es schon versuchtworden ist 248 ). Doch mit einer solchen Deutung würden wir in den Bereichder Metaphysik oder des Glaubens abgedrängt werden, in dem wir nichtszu suchen haben.

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Wenn wir nun die vorstehenden Ausführungen überblicken, so müssenwir uns wieder einmal gestehen, daß wir allzuviel sichere Einzelerkenntnisüber das Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt nicht gewonnen haben.Wir wissen heute über die Zusammenhänge zwischen Umwelt und Men-schendasein wohl kaum mehr als B o d i n u s wußte. Aber das ist, wenn mannicht zu hohe Ansprüche stellt, gar nicht so wenig. Es sind zunächst eineReihe von Erfahrungsgrundsätzen, die sehr wohl eine praktische Nutz-anwendung zulassen, indem sie dem Badearzt, dem Politiker und demPädagogen 248 ) Fingerzeige für ihr Verhalten geben. Aber diese praktischeAusnutzung des Gewußten ist auch in diesem Falle gar nicht einmal dasWichtigste. Die größte Bedeutung, die auch dieser Teil des Wissens vomMenschen für uns besitzt, gipfelt wiederum darin, daß es dem stillen Be-obachter die Augen schärft, wenn er seinen Blick in die Wunder der Men-schenwelt versenkt, und daß es ihm manche frohe Stunde bereitet, wenn,er mit seiner Hilfe die vielen Möglichkeiten überblickt, die auch in demProbleme: unsere Umwelt und wir eingeschlossen sind.

Dabei wird der Betrachter gar nicht immer auf die Feststellung kausalerZusammenhänge erpicht sein. Es gibt ja auch andere Möglichkeiten, dieunserem Geiste wohltuende Ordnung in der Welt der Erscheinungen her-zustellen. Wenn wir etwa einen so wundervollen Gleichklang zwischen derumgebenden Natur, den herrschenden Völkern und der von ihnen geschaffe-