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Sehr beliebt (weil nicht so mühsam) ist dann von jeher ein Verfahrengewesen, das darin besteht, daß man Wirkungen der Umwelt aus bestimmtenphysiologischen oder medizinischen Theorien deduktiv ableitet. Dies Ver-fahren lag den meisten Feststellungen der Klima-Theoretiker in frühererZeit zu Grunde, die insbesondere auf Grund der Theorie des Hippo-k r a t e s über Blutbeschaffenheit und Funktion der Galle ihre Schlüsse aufdie Wirkung des heißen oder kalten, feuchten oder trockenen Klimasmachten. Sicher waren alle Theorien falsch, die Schlüsse zum großen Teilrichtig.
Dieses Schlußverfahren ist noch heute allgemein in Anwendung. An dieStelle der Blut- und Gallentheorie sind die Drüsen- und Hormonentheoriengetreten.
Wenn ich sagte: daß die Schlüsse großenteils richtig waren (und sind)obwohl die „Theorien“ falsch waren (und sind), so hat das seinen Grunddarin, daß die Schlüsse in Wirklichkeit meist gar nicht auf der falschenTheorie, sondern auf der Alltagserfahrung aufgebaut werden, die in vielenFällen ein sicherer Führer ist. Damit kommen wir aber in einen ganz an-deren Bereich der Erkenntnis. In diese Alltagserfahrung mischt sich näm-lich meist schon ein geistiges Moment ein und damit verschiebt sich dasganze Ermittlungsverfahren aus dem Bereiche des naturwissenschaftlichenBegreifens oder Abtastens in den des geistwissenschaftlichen Verstehens:die Funktion, die ein Umwelt-Einfluß beim Zustandekommen einer Vor-stellung, eines Gefühls, eines Willensimpulses, aber auch eines geistigenAktes ausübt, erscheint uns innerhalb eines bestimmten Sinnzusammen-hangs „plausibel“, so daß wir ihn als wirkenden Faktor einsetzen, bis wirvon der Unmöglichkeit dieser Konstruktion überzeugt werden.
Wenn also die Klima-Theoretiker seit Bodinus behaupten: „nördlichesKlima ist im Durchschnitt kühleres, bewegteres, sonnenärmeres Klima, alssolches fordert es zur Bewältigung des Lebens stärker die Aktivität der Be-wohner heraus und verwehrt ihnen den lässigen Genuß des naturalenMilieus, dem der relativ südlichere Mensch leichter sich hingeben darf 247 )“,so „leuchtet uns das ein“, auch ohne Blut-, Gallen-, Drüsen- oder Hormonen-theorie, weil wir es an uns selbst und andern erfahren haben.
Dieses Verfahren ist aber nun das einzige, das uns übrig bleibt, wenn essich um die Feststellung von Beziehungen zwischen Eigenarten der Umweltund geistigen Haltungen der Menschen handelt. Was ich über die Bedeu-tung der Umwelt für die Eigenarten der Mythologie, der Kunst, der Dich-tung der verschiedenen Völker gesagt habe: wie ließe es sich anders be-gründen als durch solche sinnhafte Deutung? ... Wenn man mir einwendenwollte: es handelt sich hierbei gar nicht um Umgebungseinflüsse: die beson-