und somit auch, was jeweils im Menschen vererbt und was erworben ist,was der Blutstrom und was der Geiststrom ihm zuführt.
Da wird unser Bestreben sein müssen, die beiden Bestandteile — Geistund Natur — im einzelnen Falle überhaupt erst einmal voneinander zu unter-scheiden. Das können wir mit Hilfe eines einfachen Auskunftsmittels, daseinen leidlich sicheren Erfolg verspricht, tun: wir brauchen uns nämlich nurdie Frage vorzulegen: ob irgendwelche Eigenschaft oder Haltung oder Tätig-keit des Menschen einem Tiere, und sei es das intelligenteste, zugehörenkönnten. Solche Eigenschaften, bei denen es ausgeschlossen ist, daß sie auchein Tier besitzen könne, sind die geistigen und sie gehören nicht zum Erbgut.Da die wenigsten Vererbungstheoretiker den grundlegenden Unterschiedzwischen Natur und Geist — von erblichen und nicht erblichen Eigen-schaften — kennen oder anerkennen, so begegnet uns, namentlich in derneueren Vererbungsliteratur, fortdauernd der Fehler, unvererbliche Eigen-schaften dem Erbgut zuzuordnen.
Was ich alles an angeblich vererblichen Eigenschaften in der Literaturhabe bezeichnen hören oder sehen: Takt, Jagdliebe, Strebsamkeit, kriege-rische Tugenden, Verantwortungsgefühl, Pflichtbewußtsein, strenge Sittlich-keit, Argwohn, Mißtrauen, Härte, Rohheit, vielseitige geistige Interessen,berechnende Klugheit, Geltungssucht, Ehrgeiz, Anpassungsfähigkeit, Eitel-keit, Genußsucht, Schwärmerei, Bigotterie, Wahrheitsliebe, Güte, Hilfsbereit-schaft, gesunder Verstand, Fleiß, Uneigennützigkeit, Opferwilligkeit, Unab-hängiger Sinn, Mildtätigkeit, Selbständigkeit, Geiz, Geldliebe, Beliebtheit,Geselligkeit, gebieterisches Wesen, Redseligkeit, Tüchtigkeit, Arbeitsamkeit,Verschlossenheit, moralische Minderwertigkeit, Prozeßkrämerei, Sparsamkeit,Wortkargheit, Höflichkeit, Bescheidenheit, Liebenswürdigkeit, Verbindlich-keit, Zuvorkommenheit, Gefälligkeit, Rücksichtslosigkeit, Schüchternheit,Vorlautheit, Dreistigkeit, Ausgelassenheit, Machttrieb, Geltungstrieb, Selbst-bewußtsein, Schlagfertigkeit, Zahlensinn, Schönheitssinn, Skepsis, Einfüh-lungsgabe, Sinn für Humor, Altjungferlichkeit.
Wer solche und andere Eigenschaften, die doch sämtlich ein ausgesprochengeistiges Gepräge tragen, (man versuche, irgendeine von ihnen seinem Hundeoder Pferde beizumessen, und man wird sofort merken, wie lächerlich daswäre), wer, sage ich, solche Eigenschaften für vererbbar hält, der wird sichauch nicht wundern, wenn Montaigne (II. 37) glaubt, daß seine Anti-pathie gegen die Medizindoktoren erblich sei.
Hier also gilt es zunächst einmal, mit eingerosteten Vorurteilen auf-zuräumen und ausgesprochen geistige Haltungen aus dem natürlichen unddamit vererbbaren Bestände der menschlichen Persönlichkeit hinauszuwerfenund damit die Bahn für den Erbgang frei zu machen. Aber wir dürfen nicht