424
mechanische oder chemische oder Wasserbautechnik? Technik wann? im17. oder im 20. Jahrhundert? Erfinder von was? Erfinder wann? Ebenso un-sinnig ist es, eine Begabung zum „Wirtschaftsführer“ anzunehmen. Ist einWirtschaftsführer in einer handwerksmäßigen oder einer früh- oder hoch-oder spätkapitalistischen Wirtschaft gemeint? Selbst innerhalb eines engumschriebenen Wirtschaftssystems, wie dem Hochkapitalismus, sind dieFunktionen des Unternehmers sehr verschiedenene gewesen und eignetensich deshalb Männer sehr verschiedener Veranlagung zu dieser Tätigkeit.Eine Bandfabrik in Elberfeld zu leiten, erheischt eine andere Begabung alseinem Importhaus in Bremen vorzustehen, und wiederum muß ein Unter-nehmer andere Eigenschaften haben, wenn er ein Bankhaus in New York leiten will. Ich habe die drei Typen des Fachmanns, des Kaufmanns unddes Finanzmanns unterschieden, um die ganz großen Unterschiede der Unter-nehmerfunktionen nur im Zeitalter des Hochkapitalismus anzudeuten.
Aber der Torheiten ist kein Ende. Es soll Begabungen für „Wissenschaf-ten “ geben. Für welche Wissenschaften, fragen wir? Begabt sein für denmodernen Physiker und begabt sein für einen Geschichtsschreiber sind dochzwei recht verschiedene Dinge. Selbst wenn wir den Begriff auf eine be-stimmte Gruppe von Wissenschaften, etwa die Naturwissenschaften, ein-schränken; ergeben sich nicht wiederum die größten Verschiedenheiten inden Anforderungen, die die einzelnen Naturwissenschaften an den Gelehrtenstellen? Exakte und beschreibende Naturwissenschaften! Goethe undNewton! Helmholtz und Darwin !
Selbst in einer so scharf abgegrenzten Wissenschaft wie der Mathematikgibt es mindestens zwei verschiedene Begabungstypen: die Abstrakten unddie Anschaulichen. Oder nehmen wir eine so einfache Wissenschaft wie dieNationalökonomie: größere Gegensätze der Veranlagung als etwa zwischenQuesnay, Ricardo, Pareto und Friedrich List , Roscher,Schmoller gibt es auf der Erde nicht wieder. Und gar, wenn jemand voneiner philosophischen Veranlagung sprechen wollte, wo fände er die ge-meinsamen Züge zwischen Kant und Nietzsche, zwischen Hegel undSchopenhauer, zwischen Thoinasvon Aquin und D. H u m e u. s. f.
Nicht besser ist es bestellt mit der Begabung auf dem Gebiete der schönenKünste.
Kann man sich unter „dichterischer Begabung“ etwas Vernünftiges vor-stellen, was Einheitlichkeit aufwiese? Ist es wirklich derselbe Menschentypmit den gleichen Anlagen, der in seinem Leben ein paar lyrische Gedichtemacht wie M ö r i c k e oder Rilke oder Verlaine wie derjenige, der1400 Dramen wie Lope de Vega oder die Rougon-Macquard wie Zola oder das Kaiserbuch wie Paul Ernst schreibt? Hat das Talent Holder-