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Vom Menschen : Versuch einer geistwissenschaftlichen Anthropologie / Werner Sombart
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lins oder Friedrich Schlegels oder Eichendorffs das allermin-deste zu tun mit dem von Scott oder Dickens oder FritzReuter?

Es steht nicht anders mit der Veranlagung zur bildenden Kunst.Sind denn die Schöpfungen etwa Leonardos, Raphaels und Michel-angelos oder Grünewalds, Dürers, Rembrandts, oder Ce-zannes, Böcklins, Leibis überhaupt derselben Art? Müssen dieMänner, die diese Werke geschaffen haben, nicht von Grund aus verschiedeneVeranlagungen gehabt haben? Was ist denn die Begabung, die sie verbindet?Man sagt: der Farbensinn. Ich möchte das bestreiten. Es gibt viele, auchbedeutende Maler, die offenbar keinen Farbensinn gehabt haben. Man brauchtgar nicht an die Modernen zu denken, sondern sich nur etwa an die Naza-rener und ähnliche Schulen zu erinnern. Überdies: Farbensinn befähigt nichtnur zum Malen, sondern ebenso zum Rayonchef in einer Seidenhandlung oderzum Farbwarenhändler.

Am allerunbestimmtesten ist aber der Begriff derinusikalischenBeanlagung, wenn man bei dieser sich nicht auf ein paar elementareVeranlagungen, wie Tonunterschiedsempfindlichkeit, Konsonanz- und Disso-nanzgefühl, Singen der zweiten Stimme u. dgl. beschränken will (bei denenes auch noch nicht einmal sicher ist, daß sie sich bei hervorragenden Mu-sikern in besonderer Stärke vorfinden).

Aber damit ist doch der Begriff der musikalischen Begabung wahrhaftignicht bestimmt. Meint man kompositorische, rezeptive oder ausübende Musi-kalität? Bei der ausübenden hat man zu fragen: veranlagt für welchesInstrument: Blas-, Schlag-, Streichinstrument oder veranlagt für Gesang?Wißbegierig, wie wir sind, fragen wir weiter: für welche Art von Musik istdermusikalische Mensch begabt? Es ist mir nicht zweifelhaft, daß es einevon Grund aus verschiedene Veranlagung erheischt, Musik im Stile vonBach oder Schütz, von Mozart oder Haydn , von Schubert oderChopin , von D o n i z e 11 i oder Verdi, von H i n d e m i t h oder Stra-v i n s k i zu machen.

Nein ich glaube, wer ehrlich ist und in den Problemen ein wenig Be-scheid weiß, wird sich sagen müssen, daß bei derartig komplexen Tätig-keiten und Daseinsweisen der Menschen, wie wir eben ein paar kennen ge-lernt haben, es völlig unmöglich ist, die pars naturae abzusondern, gleichsamherauszupräparieren, damit aber auch unmöglich, zu bestimmen, was an der-artigen Veranlagungen erblich ist, was nicht; zumal ja die weitere Schwierig-keit dazu kommt, den Anteil abzugrenzen, den etwa die Umgebung auf dieEntfaltung des Talentes gehabt hat.

Um jene Sonderung zwischen Erbgut und Geistgut vornehmen zu können,müßten wir Fähigkeiten vor uns haben, die deutlich als Ausfluß bestimmter