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Anlagen erscheinen und wir als solche feststellen und messen können, diegleichsam T e s t - r e i f sind. In der Tat: die Bestimmbarkeit der natür-lichen Begabung und damit unter Umständen der Vererbbarkeit reicht soweit, als der Test reicht. Dieser reicht aber so weit, wie wir früher bereitsfestgestellt haben, als bestimmte formale Leistungen, der Ausfluß bestimmterformaler Fähigkeiten, wie Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Willensreaktion aufgewisse Eindrücke und Erfahrungen in Betracht kommen, wo es sich also umFeststellungen derjenigen Eigenschaften handelt, die wir vorhin als prä-sumptiv vererbbar schon kennen gelernt haben, und die wir Grundfunktionennannten.
Tests haben aber deshalb nur einen Sinn, soweit es sich um Berufstätig-keiten handelt, die in nach rein sachlichen Gesichtspunkten umschriebeneTeilverrichtungen aufgelöst sind. Ich kann den Test eines Maschinensetzersaber nicht eines Pferdeknechtes auf nehmen. Das war der Sinn der Münster-berg 'sehen und ist der Sinn der Ziehen 'sehen Begabungsprüfungen, diesich auf Straßenbahnführer, Telephonisten und Telegraphisten, Maschinen-schreiber und Maschinensetzer, mechanische Weber und Flieger bezogen. Siein der Tat bilden die einzig sicheren Grundlagen für eine etwaige* Ver-erbungswissenschaft. Freilich: ganz sichere Auskunft, ob die festgestelltenBegabungen leib-seelischer, also vererblicher oder geistiger Natur sind, gibtauch der beste Test nicht. Immerhin bietet er doch eine Art Handhabe, derpars naturae im Menschen und seinem Erbgut auf die Spur zu kommen. Ichkann mir immer noch eine bessere Vorstellung machen von einer geborenenTelephonistin als von einem geborenen Verbrecher oder einem geborenenDichter.
Ein Problem, das gesondert zu erörtern ist, und das in der heutigen Zeitwieder einmal viele Gemüter beschäftigt, ist das Problem der Ver-erbung der gleichen Eigenschaften. Die Lösung dieses Problemsdachte sich die frühere Zeit ziemlich einfach: Gleiches zeugt Gleiches, derApfel fällt nicht weit vom Stamm, Fortes fortibus creantur und andere Sinn-sprüche, die Beteuerungen der Wochenbettbesucher: der ganze Vater, dieganze Mutter, ähnlich lautende Aussprüche von Philosophen und Dichternhatten die Meinung aufkommen lassen, daß die Eltern ihre Eigenschaften imwesentlichen auf die Kinder übertrügen. Die neuere Forschung hat unteranderem dies Ergebnis gezeitigt, daß dieser Ammenglaube falsch ist. DieTheorie der Mutation, der metamorphisierenden oder der rezessiven Ver-erbung u. a. haben den Zweifel an der Gleichheit des Erbgutes bei Elternund Kindern geweckt. Diese Zweifel vermag auch die Zwillingforschungnicht zu zerstreuen.
Wie es so ein (ungelöstes) Problem der Vererbung gleicher Eigenschaften