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II. Der Krieg von 1806 und 1807
Um Mitternacht zum 19. Oktober berief er in Quedlinburg seine Umgebung zu einer Art Kriegsrat. Der Weitermarsch nachMagdeburg und zur Oder wurde beschlossen, obschon man demFeinde die näheren Wege dorthin offen gelassen hatte. Der Plan,sich in die westlichen Provinzen zu werfen, den Feind dadurch ab-zulenken und so dem Könige die Zeit zur Bildung eines neuenHeeres zu verschaffen, ward verworfen und wohl mit Recht;denn in seiner augenblicklichen Verfassung besaß das Heernicht die Anziehungskraft, um den Feind zum Nachfolgen zuzwingen. Der Eindruck der Niederlage mußte erst einigermaßenverwunden sein.
Am 19. und 20. Oktober strömten die Heerestrümmer inMagdeburg zusammen.
Aber sie fanden dort die ersehnte Ruhe nicht. Es herrschteeine heillose Verwirrung. An langsame, nach den Ansichten derZeit stilgerechte Vorbereitung der Werke für eine Verteidigung warwohl gedacht worden, aber an nichts Außergewöhnliches. KeineAnordnung war getroffen, den ankommenden Strom der Flücht-linge zu ordnen, diese nach ihrer Angehörigkeit zu den größerenTruppenverbänden zu sammeln, sie mit Lebensmitteln, Waffen undSchießbedarf zu versehen; nichts war geschehen, den fliehendenTroß von der sich mehr und mehr zusammendrängenden Menschen-masse abzulenken. Es war verabsäumt worden, Brücken ober- undunterhalb der Stadt zu schlagen, auf denen er die Elbe hätte über-schreiten und sich in Sicherheit bringen können. Alles mußte durchdie engen Straßen ziehen. Brücken und Tore waren bald ver-stopft. Auf dem Glacis der Festungswerke stand Fuhrwerk anFuhrwerk ohne Möglichkeit, sich zu bewegen. Nicht eine Kanonekonnte gelöst werden; denn ihr Geschoß wäre in die unfreiwilligdavor errichtete Wagenburg geschlagen. Selbstredend hörte dieMannszucht mehr und mehr auf; der Gehorsam beruhte bald nurnoch auf dem guten Willen der Mannschaft. Wer in Magdeburg bleiben wollte, der blieb; wer die Neigung verspürte, weiter zumarschieren, zog wieder davon.
Der Gouverneur, General v. Kleist , einst eine der bestenErscheinungen der preußischen Armee, war der eigenartigen Auf-gabe, die hier an ihn herantrat, nicht gewachsen. Er bangte umdie Sicherheit des Platzes, verwünschte im Herzen die unglücklicheArmee und sprach offen aus, daß sie sich so schnell wie möglich