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keit", der Volks reich tum keine Schmälerung erfahren werde; er irrtweiter, wenn er behauptet, daß das Interesse der Arbeiterschaft,besonders der industriellen, für solche Politik spreche?)
Der erstere Irrtum ist, wenngleich nicht mit klaren Worten aus-gesprochen, so doch deutlich zwischen den Zeilen zu lesen. Oldenberg übersieht, daß die Wiederausdehnung der Brotkornproduktion in denIndustriestaaten unter dem Druck des „Gesetzes des abnehmenden Er-trags" sich vollziehen und damit die nationale Dividende eine Schmäle-rung erfahren würde.
Um nachzuweisen, daß das Interesse der Arbeiterschaft mit einerPolitik „eigenwirtschaftlicher Unabhängigkeit" sich durchaus vertrage,hebt er hervor, daß, wenn die Lebensmittel im Jnlande produziertwerden würden, die „Erwerbsgelegenheit" gleich hoch bleibenwerde wie heute.
Für den Stand des Arbeitslohnes ist aber die „Erwerbsgelegen-heit", die Möglichkeit, Arbeit zu finden, keineswegs bestimmend. Wäredem so, so müßte das Lohnniveau immer steigen, wenn die Volksziffersteigt; denn die „Erwerbsgelegenheit" bewegt sich parallel wie dieVolksziffer. Das Lohnniveau wird vielmehr bestimmt von der Produk-tivität der nationalen Arbeit; sinkt diese, so sinkt das Lohnniveau,d. h. das Maß des Erwerbes, welches die dienende Masse aus ihrerArbeit erzielt; steigt sie, so steigt das Lohnniveau.") Mit Erweiterungder inländischen Lebensmittelproduktion würde die Produktivität ein-schrumpfen und mit ihr das Einkommen der Arbeiterklasse, währenddas Einkommen der Gruudherrnklasse wüchse?)
Oldenberg verwahrt sich gegen Identifizierung seines Programmesmit dem der „agrarischen Jnteressenpolitik". Es sei — schreibt er —„ein Unterschied zwischen dem Interesse der Landwirte und dem In-teresse des Volkes an der Landwirtschaft ... Das Volk ist am Roh-ertrage, der Landwirt ist am Reinertrage der Landwirtschaft interessiert;das Volk an der Produktivität, der Landwirt an der Rentabilitätder Landwirtschaft" (S. 44). Dem Interesse der Arbeiterschaft, dergroßen Quote des Volkes, entspreche die „Pflege des landwirtschaftlichenRohertrages in irgend einer Form". Durch Wiederausdehnung der
5) Den gleichen Irrtümern begegnet man in der agrarischen Presse aufSchritt und Tritt.
2) Wie oben schon gesagt, soll die Frage, wie das Interesse der Arbeiter-schaft zu der Frage „Weltwirtschaft oder Volkswirtschaft" stehe, an andererStelle ausführlich erörtert werden. Dabei wird der Satz, daß der Gang dernationalen Produktivität die Bewegung des nationalen Lohnniveaus reguliere,zu begründen sein, —
-) Vgl. Arndt, a. a. O., S. 46.