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» Wir nehmen auch hier wieder (vgl. oben S. 57) zunächst an
(I), es sei gewiß, daß die Industrialisierung der Rohstoffstaatendiese Folge haben müsse; da mit steigender Bevölkerung in Nuß-land u. s. w. der inländische Bedarf an Brotkorn steige, werdedie Ausfuhr von Brotkorn nach England, Deutschland u. s. w. herab-, gehen. Die Frage, ob diese Annahme richtig oder falsch, wird uns
später (II) beschäftigen.
I. Selbst wenn die Behauptung: mehr Bevölkerung undhöherer Vrotkornbedarf dort, weniger Brotkornimport hier, vollund ganz zuträfe, so wäre doch die praktische Konsequenz, welchedie Vertreter der „nationalen" Wirtschaftspolitik aus ihr ziehen —die Forderung, daß wegen dieses zu einem derzeit noch nicht be-stimmbaren Termin drohenden Versiegens der Nahrungsquellendie Industriestaaten jetzt schon die kornwirtschaftliche Autarkie her-stellen müßten, strikte abzuweisen.
Denn: der Einfuhr von Lebensmitteln, die man heute nochaus der Ferne reichlich und billig haben kaun, zu wehren, dienationale Produktion bis zu voller „Unabhängigkeit vom Auslande"zu steigern, würde für die Industriestaaten eine Verringerung dernationalen Dividende bedeuten.
Zugegeben, daß dereinst die Einfuhr stocken müsse, daß wirdereinst gezwungen sein werden, das Korn, dessen wir bedürfen,dem Boden unseres Landes abzugewinnen — weshalb sollten wires heute schon thun? Weshalb, wie oben gesagt (S. 58), die wirt-schaftliche Wohlfahrt der lebenden Generationen willentlich unterdas erreichbare Maximum Herabdrücken?
Daß unsere Landwirte solche asketische Politik vertreten, istbegreiflich. Für sie erbringt eben die Minderung der nationalen^ Dividende eine Mehrung ihrer privaten Dividende, ihrer Grund-
rente. Daß auch Männer der Wissenschaft mit ihnen gemeinsameSache machen, ist minder leicht begreiflich.^)
Oldenberg irrt, wenn er meint, daß, nach Beseitigung desLebensmittelimports, nach Herstellung der „elementaren Selbständig -
Ein Hauptargument unserer Kathederagrarier — die Gefahr des Aus-bleibens der Kornzufuhr in Kriegszeiten — ist ober. (S. 46> diskutiert worden.