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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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VI. Die historische Schule.

der Verteidiger Liebermanns. Diese völlige Ablehnung aller altenSchulen, dies Beruhen der jungen Kunst nur auf der Naturdas sei das Rechte? Wir Jüngeren glaubten doch es ausgebrachtzu haben in Berlin , gegen Pietsch und Vegas kämpfend. Solltenwir es diesen bloß zwanzig Jahre später nachgesagt haben, als sieälter geworden waren und ihre Jugend vergessen hatten. UndPietsch kam auch damals eben so schlecht an wie wir später!

Die Alten von damals warfen Vegas vor, er sei NachahmerMichelangelos . Cornelius warnte vor diesem, indem er aus die Ver-wüstungen hinwies, die solche Überschwänglichkeiten vor drei Jahr-hunderten in Italien angerichtet haben. Riegel sagt: Akte seienkeine Kunstwerke. Vegas habe es sich allerdings was an Modell-geld kosten lassen, aber über in Gips übersetztes Fleisch sei er nichthinausgekommen. Was er bilde, sei keine Venus, es solle uur einesein. Wie arm und dürftig ist der Bildhauer, wenn er nur dieNatur, wie sie ist, im toten, starren, stumpfen Gips wiederzugebentrachtet. Will er im Werk Leben erzeugen, so entstehe dies nichtdurch Abklatsch der wirklichen Form, sondern durch die Kraft desGeistes. Für Begas sei die Antike langweilig, veraltet. Aber er macheaus der Venus eine jener Dame, wie sie nicht schwer zu finden sind.Und iu dem Tone geht es dnrch viele Seiten fort. Begas bringe denBernini wieder; hinter ihm komme das Ungeheuer zopfiger Geschmack-losigkeit; er sei ein falscher Prophet, ein Irrlicht, das nicht allzu-lang mehr flackern werde, es sei denn, daß er sich zu richtigerenGrundsätzen der Kunst bequeme.

Das hat er uun freilich nicht gethan nnd sich Riegels Zorn,sowie den anderer älteren Herren dauernd verdient. Noch 1895nannte ihn der Greiner des Idealismus mit polterndem Eifer einenJrrfahrer; Begas hatte sich an Cornelius versündigt in einer Anzahlnicht eben sehr tiefer Knnstäußerungen, in den er ziemlich deut-lich aussprach, daß die Kunst vor und nach ihm nicht viel tauge.Auch Begas hat ja als Künstler das Recht und vielleicht die Pflichtder Einseitigkeit!

Richtig ist aber, was seine Gegner an ihm sahen. Er isteiner der Erneuerer des Zopfes, dessen, was wir jetzt Barock nennen.In seinen Büsten steht der dem kräftigen Realismus nahe, wie er