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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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Begas . Tilgner. Barocke Anklänge.

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seit der Zeit der Leone Leoin und ähnlicher Renaissauceineister bisans Honoon lind Tassaert üblich war. Manche seiner Werke sindvon außerordentlicher Feinheit, wie vor allem sein Meuzel. Nurein Deutscher wetteiferte hierin mit ihm, einer der ihm an Geschmackder Anordnung und heiterer Liebeuswürdigkeit noch überlegen war,der Wieuer Viktor Tilgn er. Beide haben den Schritt nach vor-wärts dnrch die gesamte neuere Kunstgeschichte etwas zu starkbeschleunigt. Sie waren, ehe man es sich versah, beim Barock undRokoko angekommen. Begas hatte in Italien Michelangelo in sichaufzunehmen versucht. Seine Gruppe auf der Börse zu Berliuund sein Schillerdenkmal sind Zeugnisse dasnr. Bon da ging's inraschen Schritten ans Gianbologna und dessen Schule. Nach derängstlichen Geschlossenheit der Alten das Sperrgut Begas' iu seiueuGruppeu der Raub der Sabinerin, der Centaur mit der Nymphe,die schon vollendetes Barock sind! Das ist nicht mehr das denalten Herren, selbst einem Jakob Burckhardt , so sehr verdächtige16. Jahrrhundert, das ist schon das 17. nno 18. Nicht mehr blos;Bernini , sondern auch Corradiui uud seine Genossen. Alle Merk-male, welche ein so milder Richter wie der Berfasser des Ciceronean dieser des schweren Widersinnes geziehenen Zeit sand, werdender neuen Bildnerei wieder eigen. Der Naturalismus der Formuud der Auffassung des Geschehenden und der Anwendung desAffektes lim jeden Preis, das Streben nach wirksamer Wirklichkeit.Die jngendlichen Körper erhalten wieder dieverrufene" Behand-lnng, die weiche Umrißlinie, das den Ban umhüllende Fett beischlanker Gliederbilduug, die stärkere, spieleudere Muskulatur. Burck-hardt Hütte wohl auch au maucher Gestalt des Begas gesunden, daßsie statt deu Ausdruck elastischer Kraft zu geben, aufgednusenemBalge gleich sehe. Deun Begas geht, namentlich in der Groß-bildnerei, Bernini nach. Sein Neptunbrunnen und sein KaiserWilhelmdenkinal beweisen dies. Beide vielfach angefochten, sind dochsicher Zeugnis eines außerordentlichen Könnens, des Erfassens derschmückenden Eigenschaften der Barockbildnerei. Dabei sind sie dochwieder stark durchsetzt vou eigener Beobachtung. Iu seiner Form-losigkeit oder richtiger iu seiueu Formengedräuge ist der viel-geschmähte Sockel des Kaiserdeukinales doch ein merkwürdiges Werk.