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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
Entstehung
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Fünftes Kapitel.

Die Romantiker»

Während sich die Ästhetik selbst immer mehr in die Über-zeugung einwiegte, die Künste in ein System gebracht zu habenund somit zum sicheren Gedeihen aus dem Verstände heraus führenzu können, entstand plötzlich diesem Verstände selbst ein unerwarteterGegner, ein solcher, dem die Aufklärung längst glaubte in seineSchranken gewiesen zu haben, die Mystik und in ihrem Hinter-grund der Glaube.

Daß sie auftrat, daß sie die Geister eroberte, war nicht dieFrucht bestimmter Thaten eines Schwärmers. Sie erschien in derganzen Welt sast gleichzeitig als der tiefgehende Widerspruch gegendie Dürre der Allerweltweisheit, welche die Köpfe beherrscht hatte.Man begann sich der Spaltung in der Nation bewußt zu werdeu,die sich ergab aus einer von der Menge unverstandenen philo-sophischen Weisheit der Gebildeten und dem dieser trotz aller Auf-klärung nicht zu raubenden schlichten Frömmigkeit. Zwischen diesehatte sich in lästiger Breite das zu Spott uud Überhebung, aberauch zum Uuterducken unter die Macht der Kirche bereite Halb-wissen eingenistet. Von beiden Seiten, von der Höhe der Philosophenwie aus den Tiefen des Glaubens sah man die Gefahr steigen; vonbeiden Seiten suchte man sie zu bekämpfen, indem man über dieMitte hinweg nach den Endpunkten der Entwickelung hinüberschoß.Man war des eifrigen Kritisierens und in Regelubringens herzlichmüde. Überall regte sich das Streben nach Freiheit gegenüber derBevormundung, nach dem Recht unmittelbarer Meinungsäußerung.