Zweites Kapitel.
Die Klassiker.
Will man deutsche Kunst am Ende des 18. Jahrhunderts be-schreiben, so muß man immer wieder im Geist nach Rom wandeln.Suchte die Zeit nach Antike, so sand sie diese in erster Linie in derVildnerei, wie sie in Roms Museen stand; suchte sie nach dem Werteder eigenen Kunst, so maß sie diese an jenen Werken.
Winckelmanns Lehre hatte helle Flammen der Begeisterunggeweckt. Bloß aus allgemeinen Gründen über die Knnst ver-nünfteln, kann zu Grillen verführen, sagt Lessing. Winckelmann war es, der ihm in die Knnst selbst den Weg wies. Er ist einnener Columbns, rief Goethe aus, der uns in ein früher schongekanntes und wieder verlorenes Land führt. Er gab dem Dichterdie Grundlage künstlerischer Erkenntnis, welche nun, nach seinem Aus-spruche, unbeweglich fest ftäude, gleichviel ob Wiuckelmauu auch inEinzelheiten geirrt habe. Denn dieser ahnte, im Geiste den Altenverwandt, stets das Rechte. Goethe wies der Folgezeit den Weg.So sehr sich auch mit der Zeit Winckelmanns Urteil im einzelnenals nicht haltbar erwies, so sehr bruchstückweise sein stolzesHans griechischer Kunstgeschichte zerfiel, immer wahrten die Archäo-logen den Winckelmannschen Grundgedanken, immer bekannten siesich frendig als seine Schüler. Noch heute feiert die ArchäologischeGesellschaft in Berlin alljährlich seinen Geburtstag als ihr Haupt-sest. Nicht das Ergebnis feiner Forschungen, nicht die Methodedes Forschers hat sich erhalten: der ahnende Geist wird gefeiert.Herder traf wohl das rechte im Sinn der Jünger des Meisters,