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daß er ihn den göttlichen Ausleger der Antike nannte, der wennauch nicht alles, so doch ungeheuer viel leistete, indem er in seinerKunstgeschichte einen prächtigen Tempel in edelstem und unstreitigrichtigein Geschmack anlegte. Wie bald hat der Geist des Unsterb-lichen über alle seine Neider und Mäkler triumphiert. Nach Hegel war Winckelmann es, der die Kunstbetrachtung dem Gesichtspunktegemeiner Zwecke und bloßer Naturnachahmung entrissen nnd in denKunstwerken und der Kunstgeschichte die Kunstidee zu finden mächtigaufgefordert hat. Für Schelling gehört er durch Sinn und Geistnicht seiner Zeit, sondern entweder dem Altertum oder der Zeit,deren Schöpfer er wurde, der gegenwärtigen. Auch noch Lotze führt1863 alles wahre Verständnis der bildenden Kunst auf ihn zurück,da er nicht an philosophische Systeme anknüpfe, sondern einfachAusleger der antiken Knnst sei, deren Werke ihm die unmittelbareOffenbarung der Schönheit scheine. Jnsti, Winckelmanns Biograph,sagt, seine Kunstgeschichte sei eine Schöpfung aus dem Nichts ge-wesen, er habe die Anschauung von Wachstum, Blüte und Verfall,des großen Zirkels der Entwickelung, in sie hineingetragen. Sohabe er sie als ein Ganzes gesehen in ihrer Gliederung, und fürdieses Ganze in allen Kreisen der Gebildeten neue Teilnahme zuwecken gewußt. Die Würde der Anschauung, die Knnst der Dar-stellung, die Tiefe der Stoffbeherrschung machten sein Werk für dieFolgezeit vorbildlich. Man glanbte an Winckelmann ^ man sah inihm einen Messias neuentdeckter Schönheit!
Und man vergaß darüber vollkommen, was früher bestandenhatte, was ringsum geschah. Die in Dankbarkeit gegen die LehreWinckelmanns versunkenen Deutschen sprachen anderen, die, ohneihn im Geiste zu tragen, der Antike sich zu näher,? wagten, einfachdas Recht hierzu ab. Mau vergaß vollkommen, daß das Strebennach der Antike seit Palladio und selbst seit Brunellesco nieentschlafen war, daß die Ästhethik des ganzen vorhergehenden Jahr-hunderts fast nur diesem Gedanken geweiht war. Erst in densiebziger Jahren dieses Jahrhunderts begannen Einzelne den er-staunten Deutschen von dem Treiben im 17. und 18. Jahrhundertzn erzählen, von ihrer Sehnsucht nach den Alten, ihren zunächstungeschickten Versuchen, sie nachzuahmen, in ihrem Geiste zu schaffen,