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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
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36
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II. Die Klassiker.

daß Winckelmanns tiefster Grundgedanke atso nicht nur vvr ihmausgesprochen, sondern ihm vom ersten Tage seiner Beschäftigungmit der Kunst als die Sehnsucht der Zeit mit ans dem Weg gegebenworden war; daß nur die Art der wissenschaftlichen Begründung,der schriftstellerisch gelehrten Festlegung sein eigenstes Eigen ist.

Winckelmann war es nicht, der den harten und grausamenEinschnitt in die künstlerische Entwicklung der Nation machte, dieeinen Fernow und die später zur geistigen Herrschaft gelangendeästhetisch archäologische Schule der Kritik zu dem Glauben veranlaßte,die deutsche Kunstgeschichte beginne eigentlich mit Earstens, vorher seidie Leere. Winckelmann ist so voller Rokoko in seinen Gedanken,daß nur die willkürlichste Behandlung seines Wesens durch dieNachlebenden, die Fortlassung alles dessen aus seinem Sein, wasseinen Verehrern an ihm nicht mehr paßte, ihn in seiner Messias-rolle dauernd erhalten konnte: Welcher große Geist hat nichtSchwächen! und Schwäche an ihm ist, was dem besserwissendenSchüler, dem hochmütigen Verehrer, nicht in den Kram paßt!

Man merkte auch nicht, daß neben den Deutschen, ohne Winckel-mann doch auch andere Völker zum Verständnis der Antike kamen.Mau sprach ihnen dieses in Deutschland rnndweg ab, man fühltesich durch Winckelmann im Alleinbesitz des wirklichen und wahrenHellenismus ; man erklärte nur das deutsche Volk für diesen befähigtund merkte nicht, daß die anderen Volker sich gleicher Vorzügerühmten; daß also uns von ihnen nicht die Stärke, die Begeiste-rung für die Alten, sondern nur die Ausfassungsart trennte.Denn in der Absicht auf Klassizität konnte man doch wohl denFranzosen David und Rüde oder den Engländer Nolleckens oderFlaxmann nicht übertreffen!

Nicht Winckelmann , sondern die allzu begeisterte Verehrerschardrängten den deutschen Kuustsiun von dem der anderen Nationenab. Wir wurden eigenartig dnrch jene, selbständig. Das ist einVorteil; wir benutzten die Selbständigkeit aber in WinckelmannsSinn zur Unterordnung unter die Alten, zur bewußten und be-geisterten Uuselbständigmachung. Und der Ort, an welchem wirunsere Selbständigkeit mit jubelnder Begeisterung von nns werfen,war Rom.