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Die deutsche Kunst des 19. Jahrhunderts : ihre Ziele und Thaten / von Cornelius Gurlitt
Entstehung
Seite
37
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Fernow und Ccmova,

Nachdem Winckelmann seinen Wohnsitz in Rom genommenhatte, nachdem von dort dem hoch aufhorchenden deutschen Volkedie Lehre eiuer vertieften und verfeinerten Kunstauffassung herüber-gektuugen war, seit Goethe den Blick in immer lebhafterer Weiseauf die Vorgänge in der ewigen Stadt gelenkt hatte, war man sichin allen vom wissenschaftlichen Leben der Zeit berührten Kreiseneinig, daß die Romreise den Künstler erst fertig mache. Dort, inRom , sagte der Mann, der sich als Winckelmanns echtester Nach-folger fühlte, sein märkischer Landsmann, sein Leidensgefährte hin-sichtlich traurig verlebter Jugendzeit, sein Glücksgenosse, insofernihm in Rom die Welt erst eigentlich erschlossen wurde, Fernow,dort in Rom ist das Klima der Kunst. Deutschland bringt großeKünstler hervor, aber es hat keine gedeihliche Heimat für sie. InItalien lebe und strebe und schaffe der deutsche Künstler!

Vielleicht liegt hierbei das Gewicht des Satzes auf demWorte deutsch . Denn die romische Knnst war durchaus minder-wertig. Es fiel keinem der Borkämpfer für die ewige Stadt ein,die Ankommenden auf das hinzuweisen, was an Ort uud Stelleselbst geschaffeu wurde. Eine Ausnahme bildete nnr, was dieFranzosen leisteten. Daß aber die italienische Kunst im ganzenund die römische Bildnerei im besonderen im Verfalle sich befinde,galt für völlig ausgemacht. Mau lächelte erstaunt über die Ar-beiten, welche aus der Werkstatt des Bartolome Cavaceppi hervor-gingen, der doch Winckelmann selbst so nahe gestanden: Obgleichmit Erfolg thätig, Antiken zn vervollständigen, hatte er sich inseinen eigenen Werken als Nachfolger Berninis erwiesen; PietroBracci war der letzte unter den namhaften Meistern dieser Schulegewesen, einer jener Künstler, die noch im Vollbesitz der tech-nischen Mittel des Barock waren. Der Erbe dieser war fast alleinAntonio Canova . Nachdem die Bewegung uud die Leiden-schaftlichkeit des Ausdrucks in Mißachtung geraten waren, seit manvon der griechischeu Einfachheit sich ganz erfüllt hatte das,was nun von diesem Erbe noch von Nutzen war, die Anmut, derreiche Linienfluß, die schlanke Rundnng der Glieder wurde Cauovaaber bald zum Vorwurf angerechnet. Die Begeisterung für ihn,als der Größten einer nicht nur seiner, sondern aller Kunst, ließ