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Geschichte der organischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert : Medizin und deren Hilfswissenschaften, Zoologie und Botanik / von Franz Carl Müller
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VII. Chirurgie, Augen-, Ohren-, Zahnheilkunde.

auch nicht ungiftig ist nnd bei manchen Menschen schwere gemüt-liche Depression und andere Jntoxikationserscheinungen hervorrufenkann, so nahm man ganz indifferente Stoffe, z. B. Kafeevulver undähnliches (das vorher steril gemacht worden war) zur Bedeckungder Wunden. Die letzten Kriege haben gezeigt, daß man am bestenthut, die Wunde mit irgend einem mit Jodophorm oder Sublimatimprägnierten Mull provisorisch zu bedecken, bis in einem Kriegs-lazarett in aller Rnhe nach Entfernung der die Wunde reizendenoder verunreinigenden Fremdkörper der Verband angelegt wird.Dabei sind die Heilresultate gegen früher ganz erstaunlich bessergeworden. Es kommt vor, daß eine richtig behandelte Wunde unterdem ersten Verbände heilt und die scheußlichen Nachkrankheiten,die langwierigen Eiterungen, an denen unsere Soldaten noch inden Kriegen 1866 und 1870/71 zu leiden hatten, sind ebensogeschwunden, wie die Geißel der Chirurgen, der Hospitalbrand.Eine Methode, durch die es einem Spencer Wells gelang, einefrüher für fast sicher tötlich gehaltene Operation die Eröffnungder Bauchhöhle zu einer beinahe harmlosen zu gestalten, istgewiß ein Triumph guter Beobachtung und logischer Schlußfolgerung.Heute schwebt ein Arzt, dem ein Patient nach einer Operationan Sepsis zu Grunde geht, in der Gefahr, eines Kunstfehlersgeziehen zu werden. Und noch vor 25 Jahren war diese Sepsiseine alltäglich in den Krankenhäusern zur Beobachtung gelangendeKomplikation des Krankheitsbildes. Man geht darum nicht fehl,wenn man die antiseptische Wundbehandlung für die größte Er-rungenschaft der Heilkunst des vergangenen Jahrhunderts ansieht.

Eine dritte, äußerst wichtige Neuerung hat die Chirurgie einemDeutschen zu verdanken: die von Esmarch im Jahre 1873 be-schriebene künstliche Blutleere. Johann Friedrich August vonEsmarch, 1823 geboren, übergab sein neues Verfahren 1873 aufdem Kongreß der Gesellschaft für deutsche Chirurgie und in einemVortrage der Volkmaunschen Sammlung der Öffentlichkeit. Er hatsich auch sonst durch eine Reihe von chirurgischen Arbeiten unddurch seine Bemühungen um das Samariterwesen einen glänzendenNamen gemacht. Man hatte ja schon früher durch Digitalkom-presfion oder dnrch speziell konstruierte Pelotten, auch durch be-