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Geschichte der organischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert : Medizin und deren Hilfswissenschaften, Zoologie und Botanik / von Franz Carl Müller
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Künstliche Blutleere.

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sondere Stellungen der Gelenke die Arterien der Extremitätenzusammenzudrücken versucht, um bei Operationen an denselbendie Blutung, die durch Durchschneidung der zufuhrenden Gefäßeentsteht, zu vermindern. Aber dieses Vorgehen war vielfach mitSchmierigkeiten verbunden und oft gar nicht durchführbar. Dazukam der unangenehme Umstand, daß auch, wenu es gelungenwar, die Verbindung zwischen Herz und Peripherie vorübergehendzu unterbrechen, doch das in den Extremitäten selbst befindlicheBlut ansfloß. Durch geeignete Höhenlage der betreffenden Armeund Beine, durch feste EinWickelung derselben von der Peripheriezum Centrum uud endlich durch Anlegung festsitzender Gummi-schläuche, welche schließlich die Arterien fest komprimierten, gelanges, die Extremitäten so blutleer zu machen, daß selbst bei schwerenOperationen die Blutung nur eine ganz geringfügige ist, also deredle Saft" gespart wird. Leider kann diese Methode nur beiden Extremitäten zur Anwendung kommen, aber sie ist trotzdemein Fortschritt ersten Ranges.

Wir haben nun gesehen, daß die Chirurgie drei neue Hilfs-mittel sich erkämpft hatte: die allgemeine nnd örtliche Anästhe-sierung, die Antisepsis resp. Asepsis und die künstliche Blutleere;es kann daher nicht Wunder nehmen, daß diese Wissenschaft in derzweiten Hälfte des Jahrhunderts rasche und ungeahnte Fortschrittezu verzeichnen hat, nachdem es nicht lange vorher ihren Vertreterngelungen war, auch ihre gesellschaftliche Stellung auf die verdienteHöhe zu heben. Unter den berühmten deutschen Chirurgen siudzuerst zu nennen I. R. von Pitha (18101875), der mit Bill-roth zusammen das Handbuch der Chirurgie herausgab, undB. von Langenbeck (18101887). Pitha war in den öster-reichischen Feldzügeu vielfach thätig uud war einer der ersten An-ziehungspunkte der Wiener Hochschule. Bernhard von Langenbeck ,welchen Bergmann in seiner Gedächtnisrede so treffend charakterisierthat:Als erstes und vornehmstes Merkmal der modernen deutschenChirurgie sehe ich diejenige Entwickelung ihrer Schule an, welcheder Privatdozent Langenbeck genommen hat: von der Physiologiezur Chirurgie, vom Mikroskop zum Resektionsmesser", zeichnete sichschon im Jahre 1848 als Chefarzt der Schleswig-Holsteinischen