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Die geistigen und socialen Strömungen des neunzehnten Jahrhunderts / von Theobald Ziegler
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Sudermnnn.

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der wartet auf den, der da kommen soll. In ihm erwartet ereinenKönig der Heerscharen, mit goldenem Panzer angethan, dasSchwert gereckt über seinem Hanpte, so wird er kommen, zu errettendas Volk des Herrn; seine Feinde wird er zerstampfen mit seinesRosses Hufen, doch jubelnd werden ihn grüßen die Knaben Israels".Aber er muß umlernen. Der Messias sieht anders aus als diesesTraumbild eines nationalen Helden des Krieges und des Schwertes;ein Heiland der armen und der kleinen Leute, ein Held des Dnldensund Verzeihens, ein Mann der Liebe so kommt er. lind Liebeist es, die nun in allen möglichen Formen an diesen Asketen nndstarren Bnßprediger herantritt und ihm ihre Macht zu fühlen giebt.Bor ihrer sinnlichen Erscheinungsform freilich braucht er sich uichtzu fürchten, über sie schreitet er hinweg, durch sie schreitet erhindurch unberührt, als wäre sie für ihn nicht vorhanden; dableibt sie ihm Sünde. Aber wie nun das Wort mit echtem Klangan sein Ohr kommt und in sein Herz dringt, macht es ihn unsicherund irre au sich selber, zermürbt und zerreibt, vernichtet ihn dieseneue Idee. Schon das Wort der Herodias :wer sich vermessenwill, über Menschen ein Richter zu sein, der muß teilhaben anihrem Thun und menschlich sein nntcr Menschen" trifft ihn hart;wie viel mehr das Wort Jesu von der Feindesliebe! Davon wiezerbrochen wagt er es nicht mehr, auf Herodes uud dessen ehe-brecherisches Weib den ersten Stein zu werfen:im Namen dessen,der mich dich lieben heißt", läßt er den Stein zur Erde fallen.Allein vou diesem dramatischen Höhepunkt rückwärts schauend erkenntman, daß dieser innerlich gebrochene Mann dies schon von Anfangan war: er ift kein Held, sondern unsicher und zweifelnd, die Größeund Stärke, das Machtvolle feiner Persönlichkeit tritt nicht hervor,und deshalb interessiert er nicht. Und noch durch ein andereskommt Unklarheit in die Gestalt, dnrch die Aufnahme der Erzählungvon der Taufe Jesu mit ihren wunderbaren Zuthateu wird seineganze Haltung unverständlich: wer das erlebt hat, braucht uichtmehr zu warten. Sudermann hat sich hier ungeschickter Weise anden Bericht des Matthäus gehalten, in dem Johannes den Himmeloffen sieht, nicht an Markus, wo sich das Wunder an Jesnswendet; dadurch hat der Dichter der Menschlichkeit des BildeS