12 I- Der Standpunkt der Naturwissenschaften um die Wende des 18, Jahrhunderts.
aussichtsloser werdenden Kampf zu gunsten des Phlvgistou fort-setzte. Auch R. Kirwans (1735 — 1812) Meinung, eben dieseMaterie sei im Wasserstoffgas thatsächlich aufgefunden, vermochte denSiegeszug der antiphlogistischcn Chemie nicht aufzuhalten, undKirwan selbst, der letzte Kämpe von wissenschaftlichem Rufe, legte1796 mit einer denkwürdigen Erklärung die Waffen nieder. Damitwar Großbritannien endgültig für die große Reform gewonnen,und auch Deutschland , das sich keiner solchen Autoritäten rühmendurfte, ging in den neunziger Jahren nnter dem Einflüsse M. H.Klaproths (1743—1817) und C.Girtanners(1760—1800) ent-schieden in das Lager der Neuerer über. Das 19. Jahrhunderthat keinen Phlogistiker mehr gesehen.
Leider war es dem genialen Lav visier nicht vergönnt, diereiche Aussaat, die von ihm ausgegangeu war, zur vollen Ernteheranreifet: zu sehen. Als Inhaber eines den Schreckensmännernvon 1793 besonders verhaßten Amtes, einer Stenerpächterei,sah er sich dein wilden Sturme dieses furchtbaren Jahres über-antwortet. Am 8. März 1794 starb er auf der Guillotine; „dieRepublik bedarf keiner Gelehrten" soll einer der Beisitzer des ihnverurteilenden Tribunales ausgerufen haben. Doch war es ihmwenigstens noch vergönnt gewesen, im Bunde mit seinen vorhergenannten Landsleuten das neue System einer in sich konse-quenten chemischen Nomenklatur zu schaffen, dasselbe, welchesin seinen Grnndzügen für alle Folgezeit maßgebend geblieben ist.
Das Ende des 13. Jahrhunderts sah auch noch einen nenenZweig der Chemie, die Stöchiometrie, entstehen, deren BegründerI.B.Richter, ein deutscher Berg- und Hütteumann (1762—1807),war. Schon seine Erstlingsschrift (Königsberg i. Pr. 1789) beschäf-tigte sich mit der Möglichkeit, die Mathematik in der Chemie zurGeltung zu bringen, und sein größeres Werk („Anfangsgründe derStöchiometrie oder Meßkunst chemischer Elemente", Breslau-Hirsch-berg 1792—1794) führte den Gedanken folgerichtig durch. Ersuchte generell die Gewichtsverhältnisse festzustellen, in welchen sichSäuren und Basen zu Salzen verbinden. Manche Dunkelheitenund auch Unrichtigkeiten ließen die wichtige Neuerung nicht sofortzu allgemeiner Anerkennung gelangen, und erst nach seinem Tode