Die Anfänge der Krystallographie.
brach sie sich Bahn, obwohl Richters Verdienst noch längereZeit im Schatten blieb. Erst durch Berzelius ward man völligder Thatsache inne, daß bei dem deutschen Forscher manche derGesetzmäßigkeiten bereits ausgesprocheu waren, welche man gewöhn-lich mit den Namen Proust und Berthollet in Verbindungbringt.
Im Verlaufe des 18. Jahrhunderts war die nahe Verwandt-schaft zwischen Chemie uud Mineralogie immer deutlicher her-vorgetreten. Durch Konrad Geßner , Caesalpinus und Steno(Stensen) war das Weseu der uuter dem Namen Krystallebekannten Formen wenigstens zum Teile erschlossen worden, und manwußte, daß die stereometrische Untersuchung für die Normalsorm einesbestimmten Mineralkörpers stets gleichbleibende ebene und Flächen-Winkel liefere. Aber selbst K. v. Linne (1707—1778), der großeSystematiker der beschreibenden Naturkunde, glaubte die Krystall-gestalt als das auszeichnende Merkmal der Stellung irgend einesKörpers in der mineralogischen Rangordnung noch ablehnen zumüssen, oder richtiger ausgedrückt, er ließ sich ganz von der Rücksichtauf äußere Formähnlichkeit leiten und verzichtete auf die entscheidendeWinkelmessnng. Immerhin wirkte das Studium seines lithologischenWerkes, vvn dem Linne selber nicht gerade hoch dachte, anregendauf einen jungen Gelehrten ein, der in der Beschäftigung mit derKrystallographie seiue eigentliche Lebensaufgabe erblickte. I. B. L.Rome Delisle (1736—1790) drang zwar, wie seine älteren Ver-öffentlichungen darthun, auch nur sehr allmählich in die wahreBedeutung der betreffenden Fragen ein, aber sein vierbändiges,1783 erschienenes Hauptwerk bezeugt doch deutlich geuug, daß ihmdas Prinzip der Winkelkonstanz, wenn anch vielleicht noch nichtin seiner vollen Tragweite, geläufig geworden war. Hat er dochauch als der erste einen eigens dafür bestimmten Apparat, ein diegenaue Festlegung der charakteristischen Neigungen erheblich er-leichterndes Goniometer, angegeben. Allein stets noch wurde derzufällig vorliegende Mineralkörper als eine nicht weiter zerlegbareEinheit betrachtet, und der letzte Schritt wurde mithin erst danngethan, als R. I. Hauy (1743—1822), dem seine Gegner deshalbden Beinamen „Krystalloklast" beilegten, die Spaltbarkeit eines