Schcllings Naturphilosophie.
27
daß der Begriff der Materie nicht etwas an sich, außerhalb desMenschen Bestehendes, sondern etwas aus der Anschauung desmenschlichen Geistes Abstrahiertes sei. Die Materie ist nur dasProdukt polarer, sich gegenseitig bekämpfender Kräfte; diese sindvon Anfang an gegeben, immaterielle Agentien, deren Wirkung dieKörperwelt — wie? das wird nicht angegeben — zustande bringt.So ist die Natur ein Spiegelbild des menschlichen Geistes, undwas von diesem als wahr erkannt wird, hat den vollen Wert einesNaturgesetzes. Ebenso wie der Geist eine Einheit darstellt, so kannes auch nicht eine Vielheit von Erkläruugspriuzipien für die Ge-schehnisse in der Körperwelt geben, und zwischen Wärme, Elektrizitätund Magnetismus besteht in letzter Instanz kein eigentlicher Gegen-satz, sondern alle diese Agentien sind nur verschiedene Erscheinungs-formen der nämlichen obersten Urkrast. Den modernen Natur-forscher, der in den Grundsätzen der Energielehre herangebildet ist,mutet diese Schellingsche Schlußfolgerung durchaus nicht unan-genehm an, aber er weiß auch sehr wohl, daß mit einer rein ge-danklichen Deduktion dieser Wahrheit, welche unsere Zeit erfahrungs-mäßig zu begründen gelernt hat, noch nicht viel erreicht ist. ImAnschlüsse an einen geistvollen Philosophen des 16. Jahrhunderts,der immerhin seiner Zeit in manchen Punkten weit vorangeeiltwar, seinem ganzen Naturell nach aber doch mehr als Irrlichtdenn als echte Leuchte auf dem Wege zur Erkenntnis anzusehenist, im Anschlüsse an Giordano Brnno stellte Schelking dasEindringen in eine immanente Weltseele als gemeinsames Zielder Naturforschnng nnd Philosophie hin; „die beiden streitendenKräfte, zusammengefaßt oder im Konflikt vorgestellt, führen aufdie Idee eines organisierende!?, die Welt zum Systeme bildendenPrinzips, einer Weltseele." Daß bei so großartigem, auf diehöchste,? Diuge gerichtete?? Strebe?? für die naturwissenschaftlicheDetailarbeit nicht viel übrig bleiben konnte, liegt auf der Hand.
In diesem Sinne hielt Schelling seine vielbesuchten Uni-vcrsitätsvorlesnngen, über die uns sein gedrucktes Kollegienheft(„Erster Eutwurf eines Systems der Naturphilosophie," Jena-Leipzig 1799) in willkommener Weise orientiert. Als springendenPnnkt glauben wir die Erörterung über die „dynamische Stnfen-