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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
Entstehung
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II. Das Interregnum der Naturphilosophie,

folge" bezeichnen zu sollen, welche nach des Verfassers Ansichtgleichmäßig die organische und anorganische Natur beherrscht, nurin beideu Reihen auch in verschiedener Erscheinungsform sichoffenbarend. Was im ersteren Falle Bildungstrieb, Irritabilitätund Sensibilität heißt, tritt uns im zweiten als chemischer, elek-trischer und magnetischer Prozeß entgegen. Um möglichst konkreteine Thatsache aus den verschlungenen Gedankenpfaden des Philo-sophen herauszulösen, bleiben wir bei seiner Erklärung der chemischenVorgänge ein wenig stehen. Die Ursache, daß es überhaupt der-gleichen giebt, ist die Jntussuszeptiou, uud zwar die absolute,d. h.Übergang zweier heterogener Körper in eine identische Nanm-erfülluug". Mechanisch kann Jntnssuszeption nicht vor sich gehen,zwei Materien können sich nicht dnrchdringen, ohne eine einzigeMaterie zn werden, und es wird also durch den chemischen Prozeßdie Materie in den Znstand des ursprünglichen Werdens zurück-versetzt. Jutussuszeption homogener Körper ist niemals Chemis-mus.Heterogeneität ist Quell der Thätigkeit uud der Bewegung",und die Ursache desallgemeinen" Magnetismus ist gleichzeitigdieUrsache der allgemeinen Heterogeneität in der Homogeneitätund der Homogeneität in der Heterogeneität".

Man hat solche Kraftsprüche, wie sie bei Schelling häufiggenug vorkommen, sinnlos genannt nnd die ganze Naturphilosophieals eiu Aggregat hochtrabender, des reellen Inhaltes aber ent-behrender und beweisloser Lehrsätze stigmatisiert. Das ist zu weitgegangen; wäre dem so, dann wäre auch der ganze Geisteszustandjener Epoche unverständlich, von dem wir doch anderweit zurGenüge wissen, daß er kein verächtlicher war. Wie aber vermochteinsbesondere die gebildete Jugend mit wahrem, ungeschminktemEnthusiasmus Lehren zn bewundern, die doch auch ihr selbstdunkel, teilweise sogar mystisch vorkommen mußten? Es hießedenu auch in der That sich gegen den geschichtlichen Geist ver-sündigen, wenn man die spinösen, oft in recht geschraubteinDeutsch vorgetragenen Sätze Schellings verächtlich als Un-sinn beiseite thun wollte. Um zn ihnen zn gelangen, warohne allen Zweifel ein sehr stattliches Aufgebot geistiger Arbeiterforderlich. Aber an einem Grundfehler krankte die ganze Anf-