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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
Entstehung
Seite
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I. W. Ritter.

nur zu bald wieder vom Tode abgerufen; Ritter infolge allznangestrengter Arbeit, der sein schwächlicher Körper nicht gewachsenwar, während Gehlen sich bei der Darstellung von Arsenwasser-stosfgas vergiftete. Beide aber haben redlich gewirkt, und namentlichwird I. W. Ritter in der Geschichte des Galvanismus und derphysikalischen Chemie immer mit Ehren genannt werden. Zahl-reiche Versuche von ihm über die Erregung galvanischer Strömeunter Verwendung der verschiedensten Metalle und Flüssigkeitenhaben der heutigen Anschauung vorgearbeitet, daß wesentlichchemische Kontaktwirkungen bei der Erzeugung galvanischer Kräfteeine Rolle spielen. Sogar die Wasserzersetzung war ihm gelungen,aber das wahre Wesen dieser seiner Eutdeckuug blieb ihm verborgen,weil er an die Zerlegbarkeit eines Elementes und ein solcheswar den Neuaristotelikern noch immer das Wasser gar nichtglaubeu konnte. Auch eine Trockensänle hat er schon vor G. Zam-boni (17761846) konstruiert, und nicht minder begegnen wirbei ihm der ersten Andeutung des Polarisationsstromes. Alleindem geschickten und im Laboratorium vou kluger Überlegunggeleiteten Experimentator war es nicht vergönnt, aus seiuen oftüberraschenden Wahrnehmungen hinterher am Schreibtische dierichtigen Schlüsse zu ziehen, und natnrphilosophische Vorein-genommenheit verdarb ihm immer wieder das Konzept. In seinenzahlreichen Abhandlungen tritt dieses störende Moment allerdingsnicht so stark hervor, aber um so entschiedener macht es sich geltendin den selbständigen Schriften, deren ziemlich viele aus seinerFeder geflossen sind. Es dürfte sich verlohnen, auf einige derselbenmit ein paar Worten einzugehen; rein wissenschaftlich von ungleichgeringerem Werte als die kleineren Sachen, sind sie es gerade,denen ein ungewöhnliches zeitgeschichtliches Interesse iunewohnt.

Die ideale Denkweise des Mannes lernt man vielleicht ambesten durch eine akademische Festrede kennen, welche er imJahre 1806 über diePhysik als Kunst" hielt. Nicht ungernefolgt man seinen schwungvollen Darlegungen, die darauf ausgehen,die Tendenz der Physik ans ihrer Geschichte zu deuten"; fragtsich aber anch, am Ende angelangt, mit einigem Stannen, wie es

denn möglich war, mit so vielen und guten Worten schließlich so

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