Die mathematische Psychologie.
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in das Programm auf, welches er seinen Zeitgenossen vorlegt, undwelches an Reichhaltigkeit gewiß nichts zu wünschen übrig ließ.
Nnch die Chemie, nicht bloß Physik und Astronomie, mußteden schädigenden Einfluß der aphoristischen Naturbetrachtung er-sahreu. I. Winterl (1732—1809) in Pesth trat 1805 mit derEntdeckung eines neuen Elementarkörpers hervor, dem er denNamen Audronie beilegte, und andererseits wollte er gewisseMetalle, denen wirklich die Eigenschaft von Elementen zukommt,iu ihre Gruudbestaudteile zerfällt haben. Da Winterl auchsonst phantastische Behauptungen in die Welt zu schicken liebte,stießen seine angeblichen Funde in der Fachwelt auf die ent-schiedensten Zweisel, und die Folgezeit hat den Zweiflern Rechtgegeben.
Von den Philosophen dieser Periode durften mir wenige vonsich rühmen, sich gegen die Verlockungen der modernen Methodestets ablehnend verhalten zu haben. Zu diesen Ausnahmen gehörtin erster Linie I. F. Herbart (1776—1841). Auch er hielt essür gestattet, gewisse Grundthatsachen, wie Anziehung, chemischeVerwandtschaft n. dergl., metaphysisch zn erklären, aber seine nüch-terne, inathematisch geschulte Denkweise hielt ihn ab, sich auf deu schwankenden Boden der Begriffskonstrnktion verleiten zu lassen.Mau hat ihm vorgeworfen, ohne innere Notwendigkeit die mathe-matische Betrachtungsweise in Gebiete hineingetragen zn haben,welche ihrem innersten Wesen nach einer solchen unzugänglich seien,nnd es ist auch dieser Vorhalt nicht ganz unberechtigt. Herbartsmathematische Psychologie, die sich die Aufgabe stellt, nachden Formeln der Statik und Dynamik das Kommen und Schwindender Vorstellungen, das Hinabtauchen unter die Bewußtseinsschwellennd das Wiederhervorkommen derselben aus ihrem Schlupfwinkelzu berechnen, vermochte die Seelcnlehre selbst nicht zn sördern,und auch die späteren Bemnhnngeu von Th. L. Wittstein (1816bis 1894) und M. W. Drobisch (1802—1813) mußten in derHauptsache erfolglos bleiben, wiewohl ein gewisses formales Interessedem psychologischen Kalkül nicht abzusprechen ist. Es war dochimmer erfreulich, einen Versnch zn konstatieren, durch deu ein ganznenes Arbeitsfeld exakter Behandlung unterworfen werden sollte,