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II. Das Interregnum der Naturphilosophie,
und zwar gerade in einer Zeit, welche sich so grundsätzlich vomExakten abgewendet hatte. Der Groll Schelliugs gegen dieMathematiker war keine vereinzelte Erscheinung.
Reichlichen Auteil an dieser Abneigung nahm insbesondereeine anch in der Geschichte der Naturwissenschaften ganz eigenartigdastehende Persönlichkeit, welche zwar mit der Naturphilosophiedurch vielfaltige Beziehungen verknüpft, gleichwohl aber eine vielzu urgesunde Individualität war, um an den hochtrabenden, desInhaltes entbehrenden Wortkämpfen der zünftigen PhilosophenGefallen zu finden. Dies war Goethe, der Allumfassende.Er hatte mit jenen nur das gemein, daß er an der mathematischenEinkleidung uud an der experimentelleu Lösung PhysikalischerProbleme Anstoß nahm; die erstere lag überhaupt, weil er niemalsder Größenlehre näher getreten war, ganz jenseits seines Gesichts-kreises, und dem Versuche war er feind, weil er es für verfehlthielt, die freie Natur durch Auferlegung beschränkender, ihr Waltendem Wunsche des Menschen anpassender Bedingungen sozusagenin eine Zwangslage zu versetzen. Bekannt ist, daß sich sein Un-mut gelegentlich in kräftigen Worten Luft machte: „Geheimnisvollam lichten Tag, läßt sich Natur des Schleiers nicht berauben,und was sie Deinem Geist nicht offenbaren mag, das zwingst Duihr uicht ab mit Hebeln und mit Schrauben." Ein feiner undglücklicher Naturbeobachter, wie er war, fah er freilich ohne dieHilfsmittel des Experimentiersaales gar vieles, was anderen ver-borgen geblieben war, uud wir werden noch erfahren, daß seinScharfblick ihn auf anderen naturwissenschaftlichen Arbeitsgebietenganz richtig geleitet hat, aber seine einseitige Verachtung der wich-tigsten Werkzeuge, welche die denkende Menschheit zur Erschließungder Naturgeheimnisse hergestellt hat, enthielt ihm den heiß ersehntenErfolg gerade in jenem Bereiche vor, dessen Erforschung ihm ammeisten am Herzen lag. Es wird sich später Gelegenheit ergeben,seiner optischen Studien im passenden Zusammenhange Erwähnungzu thun. Man weiß, daß er, wenn die strenge Wissenschaft seinenLieblingsbeschäftigungen ins Gehege kam, sehr hart und ungerechtwerden konnte, wie er denn auch über A. v. Humboldt, mit demer in jüngeren Jahren, anläßlich eines Besuches in Jena, Freund-