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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
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Naturphilosophie und Naturwisseuschaft.

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schaft geschlossen hatte, sich späterhin in ganz erbitterten Wortenäußerte. Am späten Abend seines Lebens freilich mußte er, einam 5. Oktober 1831 an Zelter geschriebener Brief ist deß Zeuge,dem großeu Naturforscher doch wieder seine Huldigung darbringen.Goethe ist den Affiliierten der Naturphilosophie ohne allenZweifel Anzurechnen, aber sein starker Geist und sein klarer Blickkonnten ihn nicht an den Orgien Geschmack finden lassen, welchedie Chorführer der Schule in den ersten beiden Jahrzehnten des19.Jahrhunderts feierteu. Wir kommen, wie bemerkt, noch mehrfachauf Goethe zurück.

Blieb deun aber, diese Frage drängt sich jetzt ganz von selbstauf, in diesem Zeitalter jede Gegenbewegung aus den Reihen Derervöllig aus, welche durch Beruf und bessere Einsicht dazn verpflichtetgewesen wären, für die mißhandelte Naturwissenschaft einzutretenund die Bedeutung der Richtschnur aller einschlägigen Forschungen,des Kausalitätsgesetzes, ins richtige Licht zu stellen? Gewißfehlte es nicht an gegnerischen Kundgebungen, aber ihnen fehltedie Einheitlichkeit, und auch der Umstand siel nachteilig in dieWagschale, daß kein Gelehrter von hohem Rufe den Widerstandorganisierte. Das Ausland hat sich um die deutschen Verhältnisseso gut wie gar uicht gekümmert; einem französischen oder englischenNaturforscher wären Sch elling und Hegel, Ritter und Krauseeinfach unverständlich geblieben, auch wenn es gelungen wäre, dieaus der Sprache entspringenden Schwierigkeiten zu überwinden.Aber auch die wirklich originellen und mit klarer Einsicht be-gabten Fachmänner Deutschlands verhielten sich wesentlich neutral.A. v. Humboldt lebte im Brennpunkte rationeller Forschung, inParis , und dachte wenig an dieczuerslles allsinaiiäss"; L.V.Buchwar fast stets auf großen Reisen abwesend; Gauß verschloß sichmit seiuen tiefsinnigen Gedankengängen in die Stille seines Studier-zimmers und war ohnehin jedem Hinaustreten auf den Markt desLebens gründlichst abgeneigt, obwohl er in Privatbriefen an ver-traute Freunde die vernichtendsten Urteile über das Wesen dernaturphilosophischen Deduktionen zu fällen liebte. So durfte dieNaturphilosophie ziemlich ungestört ihr Spiel treiben, und erst dasErstarken echtwissenschaftlichen Geistes im dritten und noch mehr