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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
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III. Die Mathematik im 19. Jahrhundert.

1800) geschieden war, noch da und dort tüchtige LehrerC. F. v. Pfleiderer (17361829) in Tübingen , G. S. Klügel(17391812) in Helmstedt und später in Halle, K. B. Moll-weide (1774182S) in Leipzig , K. D. v. Münchow (17781836)in Jena und nachher in Bonn , aber selbst das neu aufblühendeBerlin , sonst der Magnet aller hervorragenden Kräfte, konnte sichin I. PH. Grnson (17681857) uud E. H. Dirksen (1792 bis1850) keiner Kapazitäten ersten Ranges rühmen, so tüchtige Männersie anch waren. Dazu kam, daß ein Vorurteil die meisten Lehrerzurückhielt, ihren Schülern das Beste mitzuteilen, was sie selbstbesaßen; Vorlesungen über höhere Mathematik wurden nur seltengehalten, uud ein Mann wie Mollweide, der doch selber tüchtigeLeistungen auszuweisen hatte, glaubte solche Vorträge für ganzunnütz und aussichtslos erklären zu müssen. Da kann man esdenn ganz wohl verstehen, daß K. F. Ganß (17771855), der1807 das Ordinariat der Mathematik in Göttingen übernommenhatte,auf einsamer Höhe" lebte und des Verkehrs mit den eigent-lichen Fachgenossen fast gänzlich entbehrte, während er gleich-zeitig nahe Beziehungen zu den deutschen Astronomen unterhielt.Er hätte auch für die Ideen, mit denen er sich trug, keinenAnklang bei den Mathematikern der ersten Jahrzehnte gefunden.Der einzige, von dem er selbst sagt, er habe bei ihm volles Ver-ständnis für seine Auffassung derMetaphysik" der Mathematikgefunden, war ein Ungar, Wolfgang v. Bolyai (17751856);beide lernten sich als junge Leute in Göttingen kennen, und erstder Tod hat, wie wir dem erst unlängst veröffentlichten Brief-wechsel beider Männer entnehmen können, ihrem Freundschafts-bunde ein Ende bereitet. Im übrigen fühlte sich Ganß völligisoliert, und anch seine eigene Lehrthätigkeit blieb eine beschränkte.

Was für Deutschland , das galt auch für die meisten übrigeneuropäischen Länder. Großbritannien , wo hundert Jahre vorherder mathematische Genius sein Heimatland gehabt hatte, besaßneben vielen tüchtigen Gelehrten zweiten Ranges doch keineneigentlich führenden Geift. Lebhaft pulsierte wissenschaftliches Lebenin Italien , wo G. Malfatti (17311807), Mascheroni (1750bis 1800), G. A. Plana (17811864) die glänzende Überlieferung