IV. Alexander v, Humbvldt.
unterziehen gedenkt, der wird noch auf sehr viele andere Offen-barungen seines Forschersinnes Bedacht zu nehmen haben. Darfdoch, um nur daran zu erinnern, der jugendliche Humboldt auch unter Denen angeführt werden, welche das Verständnis derGrundversuche von Galvani und Volta durch neue Experimente,sogar durch solche am eigenen Leibe, die mit nicht geringenSchmerzen verbunden waren, zu vertiefen trachteten. Auch dieChemie geht nicht leer aus. Bereits in Freiberg fuchte der Student,weil das Programm der Anstalt noch keine regelmäßigen Vor-lesungen über diese Disziplin vorgesehen hatte, die Lektüre dergroßen französischen Chemiker einzubürgern, und mit Eudiometrieoder Lustanalyse hat er sich wiederholt erfolgreich beschäftigt.
Immerhin glauben wir den Hauptuachdruck auf Humboldtsim edelsten Sprachgebrauche polyhistorische Geistesrichtung legenzu müssen. Von früher Kindheit an mit Geschichte und Altertumvertraut gemacht, in Heynes Hörsaal sogar zu ungewöhnlich tieserDurchdringung der Antike fortgeschritten, und dabei doch in jedemZolle der begeisterte Naturforscher — fo war er, wie vor undnach ihm keiner, dazn berufen, die lebendige Verbindung zwischenNatur- und Geisteswissenschaften herzustellen und für die Gesamt-wissenschaft als Mahner zu wirken. Nicht ein loses Aggregat vonEinzelsächern soll dieselbe sein, sondern ein lebensvoller Organismus.Die Naturphilosophie hatte in ihrer Art versucht, den von ihr wohlempfundenen Schaden zu verbessern, aber sie hatte bei diesemBemühen, weil ihr das Wesen der Umwelt immer fremd gebliebenwar, kläglich Schiffbruch gelitten. Humboldt seinerseits stecktesich nud seinein „Kosmos" kein so hohes Ziel, wie es die Titanender Schelling-Hegelschen Schule gethan hatten, aber dafürerreichte er es auch vollkommener, als es irgend einem zweitenForscher möglich gewesen wäre. Was er für seine Zeit gethan, istheute, angesichts der ungeheuren Zunahme der zu bewältigendenStofsmasse, unsäglich viel schwieriger noch geworden, aber an derMöglichkeit, daß auch das 20. Jahrhundert sich noch eines ähnlicharchitektonisch und systematisch angelegten Meisters zu erfreuen habenwerde, möchten wir darum doch nicht von vornherein verzweifeln.Jedenfalls steht Alexander v. Humboldt als ein Markstein