Der Planet Neptun.
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daß die Störungen des Planeten Uranns schon verschiedenenGelehrten Anlaß zum Nachdenken und Forschen gegeben hatten,daß man auch das etwaige Vorhandensein eines in noch größererFerne die Sonne umwandernden Planeten in Betracht gezogenhatte, daß man aber vor der nnermeßlichen Zahlenarbeit zurück-geschreckt war, welcher sich der zu unterziehen hatte, der aus jenenindirekten Kennzeichen heraus den wirklichen Ort des mutmaßlichenPlaneten ausfindig machen wollte. Schon der gewöhnliche Störungs-kalkul, welcher die Massen der sich gegenseitig beeinträchtigendenWeltkörper nnd deren Örter für eiue gegebene Epoche als bekanntvoraussetzt, gestaltet sich mühselig genug; wie sehr mußte die Ver-wicklung erst zunehmen, wenn das umgekehrte Störungs-problem gestellt wurde! Und doch ist dasselbe von zwei Forschern,die sich in vollster Unabhängigkeit von einander befanden, annäherndgleichzeitig angegriffen und bewältigt wvrden. Schon 1845 legteI. C. Adams in Cambridge (geb. 1819) dem Professor derAstronomie, Challis, sein Resultat vor, und dieser suchte dannauch den neuen Planeten am Himmel auf, ohne ihn aber, weil dieihm zu Gebote stehenden Karten für so lichtschwache Objekte nicht aus-reichten, mit voller Bestimmtheit erkennen zu können. So kam es,daß Adams' Verdienst neben dem seines glücklichen Rivalen inden Schatten trat, während an und für sich von keiner Minder-wertigkeit die Rede sein kann. U. I. I. Leverrier (1811—1877),von Hause aus Chemiker, hatte sich bald der Astronomie gewidmetund es zu höchster Meisterschaft in der Handhabung der höherenRechnungsmethoden gebracht, die er nun auf die Uranusfrageanwandte. Kaum hatte er einen Abschluß erzielt, so benachrichtigteer, da die eigentliche Beobachtnngskunst in Paris damals durchausnicht auf der Höhe stand, die Berliner Sternwarte, und Enckebeauftragte seineu Assistenten I. G. Galle (geb. 1812; nachüberaus thätigem Wirken als Direktor der Breslauer Sternwarteerst spät in den Ruhestand getreten, der Nestor der zeitgenössischenAstronomen), nach dem Planeten zn suchen. Ein günstiges Schicksalhatte es gefügt, daß soeben Stunde 21 der erwähnten Berliner Stern-karten fertig geworden war, welche das von Leverrier bezeichneteSternbild des Steinbockes nmsaßte, und noch am gleichen Abend
Günther, Unorganische Naturwissenschaften. 7