Entwicklung der Gletscherkunde.
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deren der fallende Schnee nicht mehr zum Schmelzen gebrachtwird, tragen ein zu schematiches Gepräge. Die Gletscher warenerst seit hundert Jahren von der Wissenschaft berücksichtigt worden;für diejenigen der Schweiz hatten, wie wir schon erfuhren,Scheuchzer, Altmann, Grüner und Saussure eine Er-sorschungsbasis geschaffen, während sich derjenigen der östlichenAlpen der viel zu wenig gekannte I. Walcher (1718—1803) an-nahm. Im neuen Jahrhundert wollte sich anfänglich keine rechtrege Teilnahme für einen Zweig der terrestrischen Physik entwickeln,der nicht bloß an die Feder- und Geistesarbeit, sondern auch andie körperliche Leistungsfähigkeit des Interessenten hohe Anforde-rungen stellte. In dieser Beziehung war schwer zu übertreffet: derSolothurner Naturforscher F. I. Hugi (1796 — 1855), dessenausgedehnte Gletscherwanderungen auch den Touristen anziehen,der bei denselben aber auch manchen tieferen Blick in die Strukturder alpinen Eisgebilde thun durfte, der anderen versagt gewesenwar. Es wäre zu wünschen, daß Hngis Verdienste um dieGletscherlehre eine monographische Erörterung fänden. Zwei Um-stände sind einer allseitigeren Anerkennung dieser Leistungen hinder-lich gewesen; der eine ist durch Hugis allzu bereitwillige Hingabean die Naturphilosophie gegeben, welche sich in der Schrift „DieErde als Organismus" (Solothurn 1841) durch groteske Hypo-thesen offenbart, und der andere besteht darin, daß ein jüngererund vorurteilsfreierer Laudsmann durch seine mindestens ebensoumfassenden Untersuchungen den Vorläufer in den Schatten stellte.Louis Agassiz (1807—1873) hatte sich frühzeitig durch ein Werküber fossile Fische die wohlwollende Gönnerschaft Cuviers undHumboldts erworben; Humboldts Fürsprache verschaffte ihmeine eigens für ihn eingerichtete Professor am Lyzeum der damalszu Prenßen gehörigen Stadt Neuchatel, und von hier aus setzteer, unterstützt von seinen Freunden I. Guyot (1807—1877),E. Desor (1811—1887) und W P. Schimper (1808—1867),jene planmäßigen Gletscherbeobachtnngen ins Werk, welche seit1841 in Aufsätzen und selbständigen Büchern die Fachmänner infreudiges Staunen versetzten und stellenweise noch heute nicht alsüberholt bezeichnet werden können. L. Agassi z, der später nach
Günther, Anorganische Naturwissenschaften. 9