Druckschrift 
Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
Entstehung
Seite
132
Einzelbild herunterladen
 

132 VII. Mineralogie und Knistallographie bis Bravais.

des französischen grundsätzlich zuwiderlief. Hauy war Ato-mistiker, Weiß war Dynamiker, d. h. er nahm eine absolutlückenlose Erfüllung des unendlichen Raumes durch die Materie an.Dieser Gegensatz hat nicht verfehlt, eine gewisse Störung in dienormale Ausbildung eines Wissenszweiges zn bringen, der ja inletzter Instanz doch ein rein geometrischer ist und von den Vor-stellungen, die man sich etwa über den Stoff gemacht hat, garnicht weiter berührt werden sollte. Das hatte I. I. Bernhardt(177418S0) klar erkannt, als er 1807 mit seinen Aufschlüssenüber die Krystallsormen des Arscnikkieses und des kohlensaurenNatrons vor die Öffentlichkeit trat, denn nur so sind seine ein-leitenden Worte zu verstehen:Man macht sich eine unrichtigeVorstellung von der Krystallographie, wenn man glaubt, ihr Wesenbestehe in der Bestimmnug der primitiven und sekundären Formen.Denkt man sich auf jede Krystallisatiousfläche eine senkrechte Liniegezogen, läßt alle diese Linien in einem gemeinsamen Punkte sichschneiden, bestimmt das Verhältnis dieser Linien trigonometrischund giebt auf diese Weise die Richtungen an, nach welchen sichdie Teile mehr oder weniger angezogen haben, so erhält man einekrystallographische Methode, die der Theorie weit angemessener,aber in der Ausführung mit mehr Schwierigkeiten verknüpft seinwürde." Weiß selbst giug nicht unmittelbar in diesem Sinne zu-wege, aber seineÜbersichtliche Darstellung der verschiedenen natür-lichen Abteilungen der Krystallsysteme", welche er 18 IS der Ber-liner Akademie vorlegte, ist doch ganz von geometrischem Geistedurchweht. Sehr viele der Bezeichnungen, welche sich uns jetztganz von selbst zu verstehen scheinen, kommen hier zum erstenmalvor. Dasjenige Mineral, an welchem, als an einem schwierigenModelle, Weiß seine konstruktiven Anschauungen am liebsten er-läuterte, war der als einer der Hauptbestandteile plutonischer undvulkanischer Gesteinsarteu sehr bekannte Feldspat, dessen soge-nannte Zwillingsbildungen Goethe dereinst an den schönenKarlsbader Exemplaren liebevoll gewürdigt hatte. Die Krystall-rechnung brachte Weiß dadurch in ein neues Gleis, daß er seinAugenmerk auf die Achsen, auf die ganz im Inneren des Körpersverlaufenden Linien richtete. Auf sie begründete er eine einheit-