138 VII. Mineralogie und Krystallographie bis Bravais.
stand, so konstatieren wir, daß man durchweg die geometrischenund die Physikalischen Eigenschaften der Körper als die-jenigen betrachtete, welche bei der Einordnung letzterer in Systemedie maßgebende Rolle zu spielen hätten. Mochte nnn, wie beiHauy und Weiß, das krystallographische oder, wie in der dnrchMohs inaugurierten Richtung das Physikalische Moment in denVordergrund treten — darüber war man einig, daß die chemischeZusammensetzung für die eigentliche Mineralogie eine mehrsekundäre Sache sei. So trat man in bewußten Gegensatz zu der-jenigen Theorie, welche der berühmteste Chemiker des Zeitalters,der Schwede Ions v. Berzelius (1779—1848), aufgestellt hatte.Schon der Titel seines im Jahre 1814 herausgekommencn Werkes,von dessen zweiter Auflage K. F. Nammelsberg (1813—1899)eine deutsche Bearbeitung lieferte, giebt über die Tendenz Aus-kunft; derselbe würde in unserer Sprache folgendermaßen lanteu:„Versuch, durch die Anwendung der elektrochemischen Theorie undder Lehre von den bestimmten chemischen Proportionen zur Auf-stellung eines rein wissenschaftlichen mineralogischen Systemes zugelangen". Die Basis, von welcher Berzelius bei seinen geistvollenKonstruktionen ausging, war die Einteilung aller chemischen Elementein elektropositive uud elektronegative; wie man dazu kam, wirdim zweitnächsten Abschnitte Gegenstand der Erörterung sein müssen.Innerhalb dieser beiden Klassen wurde einem jeden Elemente, nachder Intensität seines elektrischen Verhaltens, ein bestimmter Rangzugewiesen, und die Mineralien wieder erhielten ihre Stelle nachdem in ihnen am meisten hervortretenden elektropositiven Elementeeingeräumt. Der große Chemiker hielt sich überzeugt, daß nun-mehr strengste Eindeutigkeit gewahrt und die Bestimmung zurmöglichsten Einfachheit gebracht worden sei, und er durfte diesauch nach dem damaligen Stande des Wissens annehmen. Abernicht lange mehr. Denn bald entdeckte G. Rose den Dimor-phismus, E. Mitscherlich (1794—1863) den Isomorphismus,und damit war einem chemisch-mineralogischen Lehrgebäude eiuerseiner Gruudsteiue entzogen. Denn Krystallgestalt und molekulareStruktur galten bis dahin als notwendig zusammengehörig; zweichemisch gleich gebildete Körper mußten, so dachte man, auch in