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Geschichte der anorganischen Naturwissenschaften im neunzehnten Jahrhundert / von Siegmund Günther
Entstehung
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Dns chemische Mincralsystcm.

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völlig übereinstimmender Weise krystallisieren. Und nun erlebteman eine arge Enttäuschung. Der im rhombischen Systeme un-regelmäßig krystallisierende Aragonit und der rhomboedrische Kalk-spat erweisen sich, wenn man sie in ihre Nrbestandteile zerlegt,als der nämlichen chemischen Formel unterworfen, nnd dabei istihre Erscheinung eine ganz verschiedene. Berzelius erkannte dieWiderlegung, welche die Natur selbst seinem Systeme hatte ange-deihen lassen, unumwunden an, und auch die Umsormungen, zn denener sich herbeiließ, um zum wenigsten den Grundgedanken zn retten,konnten nicht genügen, nm die elektrochemische Einteilung derMineralien als die berechtigte erscheinen zu lassen. Ebensoweniggelang dies etwas später (1824) F. C. Beudant (17871850),der die von Ampere ausgehende Vorstellung, daß alle elektrisiertenKörper von Elementarströmeu umkreist werden, seiner Klassifikationzu Grunde legte. Zumal im Bereiche der Anwendung schien dasnaturhistorische System eine erhöhte Brauchbarkeit zu besitzen.Doch räumten die Chemiker nicht etwa das Feld, sondern unterdenjenigen, welche der chemischen Klassifikation den Vorzug gabeu,treffen wir auf klangvolle Namen. So auf N. G. Nordenskiöld(17921866), den wackeren Vater eines noch weit berühmtergewordenen Sohnes; auf I. R. Blum (18021383), der langemit v. Leonhard und Bronn das Trifolium bildete, welchesHeidelberg zur ersten Wissensstätte unter den deutschen Hochschulenfür die geologischen Disziplinen erhob; auf F. v. Kobell (1803bis 1882), der uns in seinerGeschichte der Mineralogie" (München 1864) die geistige Bewegung jener Zeit treu geschildert hat. Voneinem endgiltigen Siege der einen oder anderen Richtung läßt sichnicht sprechen.

Jedenfalls behauptete die Krystallkunde, die in K. M. Marx(17941864) auch bereits einen SpezialHistoriker (182S) gesundenhatte, ihren auszeichnenden Platz innerhalb der Mineralogie, wie sichdiese auch sonst zu den Einzelfragen der Systematik und Termino-logie stellen mochte. Summarisch zusammengefaßt, konnte folgendesals festgestellt gelten. Teils aus der Dampffvrm, teils aus demgeschmolzenen Znstande heraus gehen die vorher aufgelösten Stoffein den festen Aggregatznstand über, und zwar werden sie zum